Thomas Bernhard „Heldenplatz“ – Der Skandal | III.3.a) Schlüsselereignisse im Vorfeld des Heldenplatz-Skandals

In der Forschung zu Heldenplatz wird oft darauf hingewiesen, dass der Skandal nur deshalb entstehen konnte, weil bestimmte Ereignisse im Vorfeld den Weg dahin geebnet hatten.[109] Im medialen Umgang mit diesen Ereignissen wurden die Deutungsmuster geschaffen, die auch den Heldenplatz-Skandal dominierten. Entscheidend für diese These ist das „Umbruchsjahr“[110] 1986, denn in diesem Jahr begann in Österreich ein Prozess des Umdenkens in Hinblick auf die Zeit des Nationalsozialismus. „Österreich“ hatte sich bis zum Jahr 1986 selbst als „erstes Opfer Hitlers“[111] gesehen. Diese später auch von Heldenplatz in Frage gestellte These wurde zwei Jahre vor dem Skandal erstmals mit großer öffentlicher Resonanz verhandelt. Prägendstes Ereignis war dabei die sog. „Waldheim-Affäre“: Am 8. Juni 1986 wurde der ehemalige UN-Generalsekretär Kurt Waldheim, aufgestellt von der ÖVP, trotz Vorwürfen, während des dritten Reiches an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein, zum Bundespräsidenten gewählt. Die Anschuldigungen wurden vor allem vom Jüdischen Weltkongress (WJC) erhoben, worin in der medialen Debatte zur Affäre von rechts-konservativer Seite eine Verschwörung von Juden und SPÖ gemacht wurde.[112] 1988 wurde die Diskussion neu entfacht, als eine von der Regierung beauftragte internationale Historikerkommission ihren Bericht zur Vergangenheit Waldheims vorlegte, der diesen zwar einerseits von den Vorwürfen, an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein und sich persönlich schuldig gemacht zu haben, frei sprach, andererseits aber bestätigte, „dass Waldheims eigene Darstellung lückenhaft und teilweise falsch war“.[113]

Parallel zur Aufarbeitung der NS-Jahre nahm 1986 auch die Neu-Formierung des rechten Österreichs zu einer relativ breiten Front, die sich auch in den Folgejahren fortsetzte,[114] ihren Anfang. Sie steht neben der Wahl Waldheims in unmittelbarem Zusammenhang mit dem FPÖ-Politiker Jörg Haider, dessen steile Karriere in diesem Jahr begann. Am 13. September wurde er zum Obmann der FPÖ gewählt, was den neu amtierenden Kanzler Franz Vranitzky (SPÖ) – sein Vorgänger Fred Sinowatz und der Außenminister Leopold Gratz hatten ihre Ämter aus Protest gegen die Wahl Waldheims niedergelegt – dazu veranlasste, die Regierungskoalition mit der FPÖ aufzulösen. Bei den Neuwahlen am 23. November konnte die FPÖ ihren Stimmanteil bereits auf knapp 10 % verdoppeln.[115] Neben der Debatte um Waldheim und dem Erstarken der FPÖ unter Jörg Haider finden sich weitere Ereignisse, durch welche die späteren Deutungsschemata des Heldenplatz-Skandals vorgeprägt wurden. In diesem Zuge ist auch die Ernennung Claus Peymanns zum Direktor des Burgtheaters zu nennen, die ebenfalls ins Jahr 1986 fällt. Die Bedeutung dieser Wahl wird deutlich, wenn man berücksichtigt, dass Peymann Deutscher ist und das Burgtheater als bedeutendstes österreichisches Staatstheater einen hohen Symbolwert hat. Schon vor Heldenplatz stand der von der SPÖ berufene Peymann deswegen massiv in der Kritik.[116] Vor allem die Nationalisten empfanden seine Wahl als Enteignung. Als die österreichkritischen Sätze aus Heldenplatz bekannt wurden, konnte dieses Thema wiederaufgegriffen und verschärft werden.[117]

Doch nicht nur in politischer Hinsicht wurden die Deutungen des Heldenplatz-Skandals vorgeprägt. Bedingt durch zahlreiche kleinere und mittlere Skandale war auch Thomas Bernhards mediales Bild bereits vorgezeichnet worden. Wie die berüchtigte Rede zum Erhalt des Förderpreises für Literatur 1968 und der Skandal um Holzfällen 1984 – um nur zwei Beispiele zu nennen – deutlich machen, hat er selbst aktiv an seinem Ruf als „Skandal-Schriftsteller“ mitgearbeitet.[118] Und auch Claus Peymann trug schon vor der „Causa Heldenplatz“ selbst dazu bei, Österreich gegen sich aufzubringen, etwa durch ein provokantes ZEIT-Interview mit André Müller am 27. Mai 1988, in dem er ganz im Stil Bernhards gegen die herrschenden Verhältnisse im Land aufbegehrt, nicht zuletzt auch gegen seinen eigenen Arbeitsplatz:

Wenn Sie wüßten, was für eine Scheiße ich hier erlebe! Man müßte dieses Theater von Christo verhüllen und abreißen lassen. Vielleicht schmeiße ich morgen schon alles hin. Beim österreichischen Kanzler Vranitzky liegt gerade ein Rücktrittsgesuch.[119]

Eine Schlüsselrolle bei der Ausbildung der Deutungsmuster von Heldenplatz dürfte schließlich auch die Rezeption von Der Theatermacher (1986) einnehmen. Die Zusammenfassung der öffentlichen Reaktionen auf diese „im Grunde doch längst bekannte Österreich-Beschimpfung des Übertreibungskünstlers Thomas Bernhard“[120] liest sich wie eine Beschreibung des Heldenplatz-Skandals:

Bernhards Theatermacher Bruscon, kein Sprachrohr des Autors, vielmehr ein Nachfolger des Hanswurst, bot […] in Wahrheit keine Angriffsflächen, er rührte auch an kein Tabu. Aber die Medien konstruierten aus mehr oder weniger geschickt zusammengestellten Zitat-Montagen einen einzigen Rundumschlag des Autors gegen Österreich, eine Nestbeschmutzung, wie man sie noch nie erlebt hatte, und hochrangige Politiker […] verstärkten schließlich den Chor der Kritiker, die diese „seichte Parabel“ (Frankfurter Rundschau 19.8.1985), dieses „Behindertentheater“ (Die Welt 19.8.1985) mit Wendungen abstempelten, die Bernhard kaum schärfer hätte formulieren können.[121]

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[109] Vgl. Spits: Rezeption, S. 192-194, Huber: Skandal, S. 129-130, Felderer: Theaterbrand, S. 211-212, Bentz: Dichtung, S. 12-24 und Rothschild: Anatomie, S. 328-335.
[110] Huber: Skandal, S. 130.
[111] Kurt Waldheim noch am 14. März 1988 in einer Fernsehansprache. [Vgl. Waldheim: Rede.]
[112] R. Mitten untersucht die Vorwürfe des WJC und wie die österr. Medien auf diese reagierten. [Vgl. Mitten: Gesellen.] Er kommt zu dem Schluss, dass man den Kongress für sein Verhalten während der Waldheim-Affäre zwar durchaus kritisieren kann, viele Medien aber über ein sachliches Maß hinausgehend ein „Zerr- und Feindbild“ dieser jüdischen Institution angefertigt hätten. [Vgl. ebd., S. 35.]
[113] Vgl. Huber: Skandal, S. 129.
[114] 1999 etwa erreichte Jörg Haiders rechtspopulistische FPÖ über 40% der Stimmen bei der Wahl zum Kärntner Landtag, woraufhin Haider bis zu seinem Tod 2008 Hauptmann dieses Landes wurde. Noch bei den letzten Nationalratswahlen am 28. September 2008 konnten mit der FPÖ (17,5%) und dem BZÖ (10,7%) gleich zwei rechtspopulistische Parteien in den Nationalrat einziehen. [Vgl. Amt der Kärtner Landesregierung: Landtagswahlen und Bundesministerium für Inneres: Nationalratswahlen 2008.]
[115] Vgl. Jörg Haider Gesellschaft: Laufbahn und Bundesministerium für Inneres: Nationalratswahlen 1986.
[116] Vgl. Bentz: Dichtung, S. 12-15.
[117] In dem Streit um die für Ende 1988 geplante Aufstellung eines begehbaren Anti-Rassismus-Denkmals des Künstlers Alfred Hrdlicka in der Wiener Innenstadt wird die rechte Argumentation gegen die Vergangenheitsaufarbeitung fortgesetzt. Auch hier wollte sich das rechte Österreich der Erinnerung verweigern und protestierte lauthals gegen den künstlerischen Denkanstoß. [Vgl. Löffler: Budel.]
[118] Zwar leugnet Bernhard in einem Interview mit Jean-Louis de Rambures zum Skandal um Holzfällen, ein solcher zu sein, gesteht aber ein, bewusst zu provozieren: „Das Ziel eines Buches ist es eben, daß sich die Leute darin erkennen können. Ich schreibe, um zu provozieren. Wo wäre sonst die Freude am Schreiben?“ [Vgl. Bernhard: Wahrheit, S. 232.] In dieser Quellenzusammenstellung finden sich viele Beispiele für Provokationen durch Bernhard. Sein eigenes Erleben der skandalösen Rede zum „Kleinen Staatspreis“ sowie die Rede selbst sind nachzulesen in ders.: Preise, S. 66-85, 121-122. Für Übersichten zu Bernhards Skandal-Geschichte im Ganzen siehe Dittmar: Bernhard (bis zum Jahr 1982), Höller: Bernhard, S. 7-17, Mittermayer: Bernhard, S. 176-183 und Bentz: Dichtung, S. 44-70.
[119] Vgl. Müller: Sonntagskind, DIE ZEIT, 27.5.1988.
[120] Holzner: Kunst, S. 258.
[121] Ebd., S. 259-260.

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