5.1 – Die negative Theorie vom Menschen

Wie gesagt, weist Scheler beide Linien zurück. Zunächst setzt er sich detaillierter mit der negativen Theorie auseinander, die beispielhaft von Buddha, Schopenhauer, Alsberg und Freud vertreten wurde. Die Unterschiede ihrer Theorien können hier ausgespart werden, denn Scheler findet in allen denselben „Grundmangel“, und zwar,

daß sie keine Spur Antwort auf die fundamentalen Fragen [geben]: Was denn im Menschen negiert, was denn verneint den Willen zum Leben, was verdrängt Triebe? Und aus welchem verschiedenen Letztgrunde wird die verdrängte Triebenergie das eine Mal Neurose, das andere Mal zu kulturgestaltender Tätigkeit sublimiert.[1] Wohin wird sublimiert? Und wieso stimmen die Prinzipien des Geistes (zum mindesten partiell) mit den Seinsprinzipien überein? Endlich: Wozu wird sublimiert, verdrängt, der Lebenswille negiert – um welcher Endwerte und Endziele willen?[2]

Scheler bemängelt an der negativen Theorie offensichtlich Folgendes: Nimmt man an, dass der Geist nur durch Sublimierung entsteht, dann nimmt man an, dass ohne erkennbaren Grund zwischen zwei ontologischen Ebenen gewechselt wird, denn der Trieb ist auf der Ebene des physikalischen Seins angesiedelt, während der Geist metaphysischer Natur ist. Wenn man annimmt, dass keine metaphysische Ebene existiert, dann ist alles physikalisch. Unter dieser Voraussetzung ist es unlogisch, einem Geist ein ontologisch höheres Sein zuzugestehen, denn es müsste etwas Metaphysisches auf rein physikalischer Basis entstehen können, sprich der metaphysische Geist müsste im Grunde physikalischer Natur sein, was ein Widerspruch ist. Die Folge der negativen Theorie ist damit, dass das, was Metaphysiker „Geist“ nennen, kein Geist im Scheler’schen Sinne sein kann. Folglich ist für Anhänger der negativen Theorie nichts am Menschen, was ihn gegenüber dem Rest der physikalischen Welt auszeichnet. Wenn dieser dennoch dieser Täuschung unterliegt und meint, ihm wohne ein Geist inne, dann muss diese Täuschung physikalische Grundlagen haben bzw. eine physikalische Funktion erfüllen. Dies allerdings ist insofern rätselhaft, als das Physikalische sich dann im Menschen quasi selbst verneint. Die Frage ist dann, woher diese Negativtendenz kommt. Scheler bringt seine Kritik folgendermaßen auf den Punkt, wobei der Vorwurf einer petitio principii auf den ersten Blick nicht ganz einleuchtet:

Die negative Theorie setzt eben in jeder Form, in der sie auftritt, das, was durch sie erklärt werden soll, immer schon voraus: den Geist, die Vernunft, eine eigene selbständige Gesetzlichkeit des Geistes und die teilweise Identität seiner Prinzipien mit denen des Seins selbst.[3]

Es muss so sein, dass Scheler den Negativtheoretikern unterstellt, sie behaupteten, der Geist selbst würde die Sublimierung vornehmen, die ihn erst erzeugt. Es gäbe allerdings auch die eine zweite Möglichkeit, nämlich dass die Sublimierung der Treibenergie zum Geist im Menschen eine externe Ursache hat. Wie auch immer, setzt Scheler diesem Modell die Vorstellung gegenüber, dass der Geist schon existiert, bevor er wirkend tätig wird. Der Geist sorgt selbst für die Sublimierung und führt sich damit die Triebenergie zu.

Eben der Geist ist es, der bereits die Triebverdrängung einleitet, indem der idee- und wertgeleitete geistige „Wille“ den idee-widerstreitenden Impulsen des Trieblebens die zu einer Triebhandlung notwendigen Vorstellungen versagt, andererseits den lauernden Trieben idee- und wertangemessene Vorstellungen gleichsam wie Köder vor Augen stellt, um die Triebimpulse zu koordinieren, daß sie das geistgesetzte Willenprojekt ausführen, in Wirklichkeit überführen. Diesen Grundvorgang nennen wir „Lenkung“, die in einem „Hemmen“ […] und „Enthemmen“ […] von Triebimpulsen durch den geistigen Willen besteht, und „Leitung“ die Vorhaltung – gleichsam – der Idee und des Wertes selbst, die dann je erst durch die Triebbewegungen sich verwirklichen. Was aber der Geist nicht vermag, ist dies: selbst irgendwelche Triebenergie erzeugen oder aufheben, vergrößern oder verkleinern.[4]

Ziel der Lenkung und Leitung der Triebe durch den Geist ist seine Verlebendigung. Schelers Kritik der negativen Theorie deckt ihre Schwachstelle zwar auf, doch es ist fraglich, ob seine eigene Lösung befriedigender ist, denn wo die negative Theorie nicht erklären kann, woher aus dem Nichts ein Impuls zu Selbstverneinung kommt, so kann er nicht erklären, woher ein vollkommen passiver, energieloser Geist die (erste) Energie bezieht, um die Sublimierung von Triebenergie einzuleiten bzw. wie die Lenkung und Leitung des Triebes energie- und tätigkeitslos von statten gehen kann. Außerdem stellt sich das Problem, das jeder Dualismus hat: Es ist unerklärlich, wie eine Verbindung zweier grundverschiedener Seinssphären hergestellt werden kann. Schelers Geist soll dem Trieb etwas vorhalten. Egal, was dieses Vorgehaltene ist, es muss sowohl mit der physikalische Sphäre in Kontakt stehen als auch mit der metaphysischen, denn der Geist hält es, der Trieb „sieht“ es und steuert es an. Ein weiteres Problem in Schelers Kritik der negativen Theorie ist, dass letztere im Grunde eine andere Frage behandelt als Scheler, denn sie versucht den Ursprung des Geistes zu klären, während Scheler die Tätigkeit des bereits existenten Geistes untersucht. Die Frage, wo der Geist seinen Ursprung hat, bleibt in seinem Modell offen bzw. wird insofern unzureichend beantwortet, als der Geist einfach ursprungslos existiert. Sollte man entscheiden, welcher Sichtweise – Schelers oder der der negativen Theorie – der Vorzug zu geben ist, steht man vor demselben alten Dilemma, das jeden metaphysischen Entwurf unzureichend macht: Entweder etwas erzeugt sich selbst, wie es der Geist in der negativen Theorie tut, oder etwas ist aus dem Nichts entstanden bzw. wird einfach gesetzt, wie der Geist in Schelers Entwurf.


[1] Dieser Punkt bezieht sich klarerweise auf Freuds Theorie.

[2] S. 61.

[3] S. 62.

[4]Ebd.

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