3.3 – Die Besonderheiten des Menschen

Nachdem Scheler eine Skizze der vier Wesensstufen gemacht hat, geht er detailliert auf die Besonderheiten ein, die den Menschen gegenüber den anderen Seinsformen privilegieren.

3.3.1         Ding- und Substanzkategorie

Die erste Eigenschaft, die Scheler dem Menschen in dieser Hinsicht zubilligt, ist der Besitz der Ding- und Substanzkategorie. Damit ist nicht viel mehr gemeint, als dass einzig der Mensch dazu in der Lage ist,  den Wesenskern, also die Identität von Entitäten zu erkennen.

3.3.2         Raum/Weltraum

Die zweite exklusiv menschliche Eigenschaft ist der Besitz Raum bzw. Weltraum. Der Mensch erlebt sich und die ihn umgebenden Gegenstände in einem einzigen, geschlossenen Raum, der sich ihm durch die verschiedenen Sinneseindrücke erschließt.

Dem Tiere fehlt eben […] ein eigentlicher „Weltraum“, der unabhängig von des Tieres eigenen Ortsbewegungen als stabiler Hintergrund verharrte. Es fehlen ihm ebenso die „Leerformen“ von Raum und Zeit, in die hineingesetzt der Mensch die Dinge und Ereignisse primär auffasst. […] Es lebt ganz in die konkrete Wirklichkeit seiner jeweiligen  Gegenwart hinein. Erst wenn – im Menschen – die in Bewegungsimpulse sich umsetzenden Treiberwartungen das Übergewicht haben über all das, was faktische Trieberfüllung in einer Wahrnehmung oder Empfindung ist, findet das überaus seltsame Phänomen statt, daß die räumliche „Leere“, und analog die zeitliche, allen möglichen Inhalten der Wahrnehmungen und der gesamten Dingwelt als vorhergehend, als „zu Grunde liegend“ erscheint.[1]

Nach Scheler bildet einzig der Mensch eine von seinem unmittelbaren Erleben gelöste Vorstellung des Raums, indem er sich und die Dinge der Welt lokalisiert. Den dabei stattfindenden Prozess der Berechnung, den nur der Mensch ausübt, sieht Scheler in der Wissenschaft fortgesetzt, da Wissenschaft bedeutet von sich selbst zu abstrahieren und einen externen Blick auf die einen selbst und alle anderen Dinge betreffenden Kausalzusammenhänge zu werfen.

Der Mensch allein – sofern er Person ist – vermag sich über sich – als Lebewesen – emporzuschwingen und von einem Zentrum gleichsam jenseits der raumzeitlichen Welt aus alles, darunter auch sich selbst, zum Gegenstande seiner Erkenntnis zu machen.[2]

 3.3.3         Pure Aktualität

Scheler liefert nun ein interessantes Argument für die Existenz einer metaphysischen Seinsebene. Das Argument lautet[3]:

  1. Prämisse: Der Mensch ist in der Lage, seinen eigenen Leib und seine eigene Psyche zu vergegenständlichen und daraufhin Selbstbetrachtungen anzustellen.
  2. Prämisse: Vergegenständlichung und Betrachtung einer Sache dürfen nicht von der ontologischen Ebene aus stattfinden, auf der sich die Sache befindet.
  3. Prämisse: Leib und Psyche sind Teil der räumlich-zeitlichen Welt.
  1. Konklusion: Das Zentrum, von dem aus die Vergegenständlichung und die Betrachtung des Leibes und der Psyche eines Menschen erfolgen, kann nicht Teil der räumlich-zeitlichen Welt sein.
  2. Konklusion: Es muss einen obersten Seinsgrund jenseits der räumlich-zeitlichen Welt geben, der diesen Standpunkt gestattet.

Da dieses Argument auf komplexen Gedanken beruht, soll es später genauer untersucht werden. Wichtig ist zunächst, dass Scheler von der Existenz einer metaphysischen Welt ausgeht, und dass die Verbindung mit dieser Welt durch den Geist das Merkmal ist, welches den Menschen gegenüber allen anderen Seinsformen auszeichnet. Der vergegenständlichende und betrachtende Geist kann selbst nicht vergegenständlicht und betrachtet werden – er ist „pure Aktualität, hat sein Sein nur im freien Vollzug seiner Akte[4]. Scheler ist der Ansicht, dass sowohl der eigene Geist, wie auch der der anderen nicht objektiviert werden kann. Der Geist kann also nicht passiv werden, er kann nicht Objekt sein, sondern er geht im Wirken, im Aktivsein auf, ist somit immer Subjekt, eben pure Aktualität.

Man muss natürlich an dieser Stelle die Frage stellen, was Scheler meint, wenn er sagt, man könne sich zur eigenen Person nur „sammeln[5], so wie man auch die Personen der anderen nicht als Objekt erfassen könne, sondern sich nur in einem Liebesakt mit ihnen „identifizieren“[6] könne. Auch wird an dieser Stelle das erste Mal ein „übersinguläre(r) Geist()[7] erwähnt, zu dem sich nur „durch Mitvollzug[8] eine Verbindung herstellen lässt.

[…] die Ideen sind nicht „vor“, nicht „in“ und nicht „nach“ den Dingen, sondern „mit“ ihnen und werden nur im Akte der stetigen Weltrealisierung (creatio continua) im ewigen Geiste erzeugt. Darum ist auch unser Mitvollzug dieser Akte nicht ein bloßes Auffinden oder Entdecken, sondern ein wahres Mithervorbringen, ein Miterzeugen der dem ewigen Logos und der ewigen Liebe und dem ewigen Willen zugeordneten Wesenheiten, Ideen, Werte und Ziele aus dem Zentrum und Ursprung der Dinge selbst heraus.[9]


[1] S. 45 f.

[2] S. 47.

[3] Vgl. 47 f.

[4] S. 48.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] S. 49.

[9] Ebd.

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