2.4 – Organisch gebundene praktische Intelligenz

Auf das assoziative Gedächtnis folgt die organisch gebundene praktische Intelligenz als vierte Seelenstufe. Scheler definiert zunächst Intelligenz und anschließend die Prädikate „organisch gebunden“ und „praktisch“. Wie auch zuvor verzichtet er dabei auf psychische Komponente und geht allein vom Verhalten aus:

Ein Lebewesen verhält sich „intelligent“, wenn es ohne Probierversuche oder je neu hinzutretende Probierversuche ein sinngemäßes – sei es „kluges“, sei es das Ziel zwar verfehlendes, auch doch merkbar anstrebendes […] – Verhalten neuen, weder art- noch individualtypischen Situationen gegenüber vollzieht, und zwar plötzlich und vor allem unabhängig von der Anzahl der vorher gemachten Versuche, eine triebhaft bestimmte Aufgabe zu lösen.

Wie sprechen von „organisch gebundener“ Intelligenz, solange als das innere und äußere Verfahren, welches das Lebewesen einschlägt, im Dienste einer Triebregung oder einer Bedürfnisstillung steht, und wir nennen diese Intelligenz auch „praktisch“, da ihr Endsinn immer ein Handeln ist, durch das der Organismus sein Trieb-Ziel erreicht (bzw. verfehlt).

Dieselbe Intelligenz kann beim Menschen in den Dienst spezifisch geistiger Ziele gestellt werden; erst dann erhebt sie sich über Schlauheit und List.[1]

Nach dieser ersten verhaltensbezogenen Definition von Intelligenz gibt Scheler eine zweite, psychische, die Intelligenz als „plötzlich aufspringende Einsicht in einen zusammenhängenden Sach- und Wertverhalt innerhalb der Umwelt“ auffasst, „der weder direkt wahrnehmbar gegeben ist noch auch je vorher wahrgenommen wurde“ [2]. Wichtig ist bei dieser Bestimmung das Moment der Antizipation, denn während ein Teil des Intelligenzaktes auf Erfahrung beruht, so ist ein Teil produktiv, indem eine Vorstellung der Zukunft ergänzt wird.

Der Vergleich von assoziativem Gedächtnis und Intelligenz fördert nach Scheler vor allem den Unterschied zu Tage, dass die Situationen, auf die durch ein intelligentes Verhalten reagiert wird, „nicht nur artneu und atypisch“ sind, sondern „auch dem Individuum ‚neu‘“[3]. Ein solches, objektiv sinnvolles Verhalten erfolgt plötzlich, und zeitlich vor neuen Probierversuchen und unabhängig von der Zahl der vorhergehenden Versuche.[4]

In der zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch kontrovers diskutierten Frage, ob Tieren Intelligenz zukommt, stellt sich Scheler auf Seiten der Forscher, die dies bejahen. Er verweist auf die Versuche Wolfgang Köhlers mit Schimpansen und skizziert sein Verständnis von animalischer Intelligenz:

Die Triebdynamik im Tiere selbst ist es, die sich […] zu versachlichen und in die Umgebungsbestandteile hinein zu erweitern beginnt. […] Das Kausal- oder Wirkphänomen […] dürften wir hier in seinem ersten Ursprung belauschen: als ein Phänomen, das in der Vergegenständlichung der erlebten Triebhandlungskausalität auf die Dinge der Umwelt beruht und hier mit „Mittel“sein noch vollständig zusammenfällt. Gewiß findet die beschriebene Umstrukturierung beim Tiere nicht durch bewußte, reflexive Tätigkeit statt, sondern durch eine Art anschaulicher Umstellung der Umweltgegebenheiten selbst. Aber es ist doch echte Intelligenz, Erfindung, und nicht nur Instinkt und Gewohnheit.[5]

In Bezug auf die eng mit der organisch gebundenen praktischen Intelligenz verbundenen Wahlhandlungen, welche die Fähigkeit implizieren, sich zwischen zwei Gütern oder Artgenossen zu entscheiden, ohne dass diese Entscheidung einem bestimmten Trieb zur Last gelegt werden kann, bemerkt Scheler, dass auch von ihrer Existenz schon bei Tieren auszugehen sei. So sei es dem Tier durchaus möglich, einen Trieb zu unterdrücken, wenn dadurch größere Vorteile in der Zukunft erlangt werden können. Scheler hält es dagegen nicht für möglich, dass Tier ein Bewusstsein von „Werten selbst[6] hat, d. h., es zieht kein Gut einem anderen deswegen vor, weil es dadurch einen höheren, abstrakten Wert wie etwa Nützlichkeit erhält. Scheler beendet den Abschnitt mit der Bemerkung, dass Tier dem Menschen nicht nur in ihrer Intelligenz nahe stehen, sondern in weit höherem Maße im Affektiven.


[1] S. 32.

[2] Ebd.

[3] S. 33.

[4] Ebd.

[5] S. 35 f.

[6] S. 36.

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