2.1 – Der Gefühlsdrang

Naturgemäß beginnt die Untersuchung des Stufenmodells mit der untersten und breitesten Stufe. Sie ist deswegen am breitesten, weil alle Lebewesen Anteile dieser Stufe in sich tragen, egal, wie „hoch“ sie entwickelt sind.

Die unterste Stufe des Psychischen – zugleich der Dampf, der bis in die lichtesten Höhen geistiger Tätigkeit alles treibt, auch noch den reinsten Denkakten und zartesten Akten lichter Güte die Tätigkeitsenergie liefert – bildet der bewußtlose, empfindungs- und vorstellungslose „Gefühlsdrang“.[1]

Der Gefühlsdrang, eine Mischung aus Gefühl und Trieb, kennt nur primitive „Hin“- oder „Weg“-Impulse und richtet sich nicht auf konkrete Objekte. Zu beobachten ist er insbesondere bei Pflanzen, wenn sie sich zum Beispiel der Sonne zuwenden. Alles Anorganische, Unlebendige ohne Innensein verfügt klarerweise nicht über den Gefühlsdrang, sondern über Kraftzentren und -felder. Dadurch dass Scheler den Gefühlsdrang schon in den Pflanzen wirken sieht, schreibt er ihnen Innenzustände zu, welche seiner Meinung nach nur deswegen gemeinhin übersehen würden, weil sich die Bewegungen der Pflanzen in ausgesprochener Langsamkeit vollziehen. „Empfindungen“ und „Bewusstsein“ spricht er ihnen – wenig überraschend – hingegen ab. „In den Gefühlsdrang eingeschlossen“ sind der „Drang zu Wachstum und Fortpflanzung[2], der sich mit dem vergleichen lässt, was man bei Tieren „Triebleben“ nennt. Ähnlich wie Freud, der den Eros und den Todestrieb als die beiden Grundtriebe des Menschen ansieht, hält auch Scheler den „Drang zu Fortpflanzung und Tod“ für den „Urdrang alles Lebens“[3].

Scheler sieht die Richtung des pflanzlichen oder „vegetativen“ Lebens gänzlich nach außen gerichtet, so dass er vom „ekstatischem Gefühlsdrang“ spricht. Diese Beschränkung der Drangrichtung hat ihre Ursache darin, dass Pflanzen über keinerlei Bewusstsein verfügen, an das Organzustände rückgemeldet werden könnten. Sie haben kein inneres Zentrum, das sich über äußere Zustände oder gar über sich selbst bewusst werden könnte. Schelers zuvor auch Pflanzen zugestandenes Fürsich- und Innesein, durch das sich alles Psychische auszeichnet, kann also nicht mit innerem Bewusstsein oder Ähnlichem gleichgesetzt werden. Vielmehr muss damit ein Wirken aus sich selbst heraus bezeichnet werden, ein aktives Antriebsmoment, über das „tote“ Körper wie etwa Steine nicht verfügen. Über die Generierung von Bewusstsein sagt Scheler:

[…] Bewußtsein wird erst in der primitiven re-flexio der Empfindung, und zwar stets gelegentlich auftretender Widerstände – alles Bewußtsein gründet in Leiden und alle höheren Stufen des Bewußtseins in steigendem Leiden – gegenüber der ursprünglich spontanen Bewegung.[4]

Auch wenn Pflanzen über kein Bewusstsein verfügen, so kommt ihnen nach Scheler doch das „Urphänomen des Ausdrucks[5] zu, da man ihnen ansieht, wie ihr Gefühlsdrang, der sich mit Wörtern wie kraftvoll/-los oder üppig/arm beschreiben lässt, beschaffen ist. Natürlich mangelt es der Pflanze hingegen an einer „Kundgabefunktion“ wie sie alle Tiere besitzen und erst Recht können sie sich nicht der „Darstellungs- und Nennfunktion der Zeichen“ bedienen, welches ein Privileg des Menschen ist.

Wesentliche Unterschiede von Pflanze und Tier sind, dass sich die organische Pflanze aus anorganischen Stoffen speist, weswegen sie auf Empfindungen verzichten kann.[6] Des Weiteren kommt pflanzlichem Leben eine „mangelnde Zentralisierung[7] zu, sodass Reize von der Pflanze als Ganzes erfasst werden, wodurch sich ihr gesamter Lebenszustand schnell ändert. Auch ist die Individualisierung, verstanden als räumlich-zeitliche Geschlossenheit, bei Pflanzen geringer ausgeprägt als bei Tieren.

Im Menschen als Besitzer aller Wesensstufen des Daseins, wie auch bei den Tieren, ist der Gefühlsdrang noch vorhanden:

Es gibt keine Empfindung, keine Wahrnehmung, keine Vorstellung, hinter der nicht der dunkle Drang stünde, die er mit seinem die Schlaf- und Wachzeiten kontinuierlich durchscheinenden Feuer nicht unterhielte – selbst die einfachste Empfindung ist nie bloße Folge des Reizes, sondern immer auch Funktion einer triebhaften Aufmerksamkeit. Gleichzeitig stellt der Drang die Einheit aller reich gegliederten Triebe und Affekte des Menschen dar. […] Der Gefühlsdrang ist auch im Menschen das Subjekt jenes primären Widerstandserlebnisses, das die Wurzel alles Habens von „Realität“,  von „Wirklichkeit“ ist, insbesondere auch der Einheit und des allen vorstellenden Funktionen vorangängigen Eindrucks der Wirklichkeit. Vorstellen und mittelbares Denken (Schließen) können uns nie etwas anderes als das „Sosein“ und „Anderssein“ dieser Wirklichkeit indizieren. Sie selbst als „Wirklichsein“ des Wirklichen ist uns nur in einem mit Angst verbundenen allgemeinen Widerstande bzw. einem Erlebnis des Widerstandes gegeben.[8]


[1] Ebd.

[2] S. 14.

[3] Ebd.

[4] S. 15.

[5] Ebd.

[6] Empfindungen definiert Scheler an früherer Stelle so: „Fragen wir, was der allgemeinste Begriff der ‚Empfindung‘ ist […], so ist es der Begriff einer spezifischen Rückmeldung eines augenblicklichen Organ- und Bewegungszustandes des Lebewesens an ein Zentrum und eine Modifizierbarkeit der je im nächsten Zeitmoment folgenden Bewegungen kraft dieser Rückmeldung.“ [S. 13.]

[7] S. 15.

[8] S.16 f.

2 Gedanken zu “2.1 – Der Gefühlsdrang

  1. Hallo, was meinen sie mit der räumlichen-zeitlichen Geschlossenheit bei der Individualisierung von Pflanzen und Tieren?

    • Tut mir Leid, aber ich habe gerade nicht die Zeit, mich wieder in dieses Thema zu vertiefen.

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