6.1 – Kritik an Descartes´ Dualismus

Scheler beginnt seine neuerliche Auseinandersetzung mit der menschlichen Konstitution mit einer Kritik an Descartes´ Substanzlehre, nach der alles entweder eine denkende oder eine ausgedehnte Substanz ist. Nur der Mensch durchbricht diesen Gegensatz, indem in ihm beide Substanzen zusammentreffen. Nach Scheler hat Descartes´ mit seinem Dualismus die abendländische Geistesgeschichte nachhaltig negativ geprägt, da in diesem Modell die „Grundkategorie des Lebens[1] nicht berücksichtigt wird. Für Scheler ist es, wie bereits herausgestellt, keineswegs so, dass nur dem Menschen eine Seele innewohnt, während die organische Natur nach rein mechanischen Gesetzen funktioniert. Er setzt Descartes deswegen sein Modell entgegen, nach dem alle lebendigen Seinsformen Psyche besitzen. Die Idee Descartes´, dass im Menschen exklusiv eine Schaltstelle zwischen den beiden Seinssphären, der denkenden und der ausgedehnten, besteht, weist Scheler mit Erkenntnissen der zu seiner modernen medizinischen Forschung über Hirn und Blutdrüsen zurück, die den Schluss nahelegen, dass „der ganze Körper […] heute wieder das physiologische Parallelfeld der seelischen Geschehnisse geworden ist“[2]. Scheler kommt zusammenfassend zu dem Ergebnis:

Die Philosophen, Mediziner, Naturforscher, die sich heute mit dem Problem von Leib und Seele beschäftigen, konvergieren immer mehr zur Einheit einer Grundanschauung: Ein und dasselbe  Leben ist es, das in seinem Innesein psychische, in seinem Sein für andere leibliche Formgestaltung besitzt.[3]

Der „Grundfehler“, den Scheler Descartes vorwirft, zeigt erneut die Rolle des Triebes (bzw. Dranges) in Schelers Denken, denn Descartes würde „das Triebsystem in Mensch und Tier […] völlig […] übersehen, das eben die Einheit ausmacht und die Vermittlung bildet zwischen jeder echten Lebensbewegung und den Inhalten des Bewusstseins“[4].

Scheler argumentiert mit allerhand Forschungsdetails und Körperfunktionen für seine These, die hier vernachlässigt werden können. Wichtig ist seine Kernaussage: Leib und Psyche sind ein und dasselbe aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachtet. Scheler weist damit die Meinung weit von sich, es gäbe auch nur eine einzige Körperfunktion, die ohne psychische Komponente abläuft. Man muss an dieser Stelle allerding betonen (bzw. wiederholen), dass Scheler die Psyche nicht mit dem (Wach-)Bewusstsein gleichsetzt, sondern auch unbewusst ablaufende Prozesse der Psyche anrechnet. Leib und Psyche fasst er unter den Begriff des Lebens zusammen. Alles, was lebendig ist, hat damit eine Psyche. Scheler dehnt die Beteiligung der Leibessphäre so weit wie möglich aus, wenn er nicht nur dem logischen Denken, sondern auch dem Geist physiologische Komponenten zuschreibt:

Auch die höchsten psychischen Funktionen wie das sog. beziehende Denken entziehen sich einer strengen physiologischen Parallelisierung nicht. Endlich müssen nach unserer Lehre auch die geistigen Akte, da und sofern sie ihre ganze Tätigkeitsenergie aus lebendigen Triebsphäre beziehen und ohne irgendeine „Energie“ sich für unsere Erfahrung, auch für die eigene, nicht manifestieren können, stets ein physiologisches und psychisches Parallelglied besitzen.[5]

Scheler macht die abendländische Tradition der Betonung der körperlichen Anteile des Lebens dafür verantwortlich, dass von der Einheitsidee abgerückt wurde. Das Gegenteil habe in der indischen Medizin stattgefunden, die sich vor allem auf die Psyche konzentriert.

Im Folgenden betont Scheler die größere Wichtigkeit des Gehirns für den Menschen im Gegensatz zum Tier. Schließlich wiederholt er seine wohl wichtigste These der Schrift, dass im Menschen Geist und Leben einen Gegensatz bilden, der auch als solcher erlebt wird. Dass der Mensch aus zwei Substanzen – Leib und Seele – bestehe, ist eine falsche Folgerung dieses Erlebnisses. Scheler wiederholt auch die Begründung für die Existenz eines Geistes:

Wenn wir Psychisches und Physiologisches nur als zwei Seiten ein und desselben Lebensvorganges nehmen, denen zwei Betrachtungen desselben Vorganges entsprechen, dann muß das X, das eben diese beiden Betrachtungsweisen selbst vollzieht, dem Gegensatz von Leib und Seele überlegen sein. Dieses X ist nichts anderes als der, […] selber nie gegenständlich werdende, alles „vergegenständlichende“ Geist.[6]

Das Leben ist für Scheler „unräumliches, wohl aber zeitliches Sein“, der Geist hingegen ist sowohl „überräumlich“, als auch „überzeitlich[7]. Wie schon bekannt, sind Geist und Leben aufeinander angewiesen.


[1] S. 72.

[2] S. 73.

[3] Ebd. – Nach einer weiteren Begründung wiederholt Scheler das Fazit noch einmal in anderen Worten: „Der pyhsiologische und der psychische Lebensprozess sind ontologisch streng identisch […]. Sie sind nur phänomenal verschieden – aber auch phänomenal streng identisch in den Strukturgesetzen und der Rhytmik ihres Ablaufs. […] Beide Prozesse sind nur zwei Seiten des nach seiner Gestaltung und nach dem Zusammenspiel seiner Funktionen einen übermechanischen Lebensvorganges.
Was wir also „physiologisch“ und „psychologisch“ nennen, sind nur zwei Seiten des Betrachtung eines und desselben Lebensvorganges.“ [S. 74.]

[4] S. 76.

[5] S. 77 f.

[6] S. 80.

[7] Ebd.

2 Gedanken zu “6.1 – Kritik an Descartes´ Dualismus

  1. „Scheler dehnt die Beteiligung der Leibessphäre so weit wie möglich aus, wenn er nicht nur dem logischen Denken, sondern auch dem Geist physiologische Komponenten zuschreibt.“

    Bist du dir sicher, dass er das tut? Das hieße ja, dass im Geist etwas Psychisches wohnt, was wiederum gegen Schelers Wesensdualismus von Geist einerseits und Leben/Drang/Trieb andererseits verstieße. Ich glaube vielmehr, dass Scheler meint, dass die geistigen Akte des Menschen der Zufuhr von Lebens- bzw. Drangs- bzw. (um mit Nietzsche zu reden) „dionysischer“ Energie bedürfen, um tatsächlich eine Kraft üben zu können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.