Pusher (1996) / Bleeder (1999)

BLESpätestens seit „Drive“ ist Nicolas Winding Refn auch vielen eher dem Mainstream folgenden Kinofreunden ein Begriff. Doch auch wenn der Film aus dem Jahr 2011 zweifelsohne gelungen ist – vor allem atmosphärisch – ist in der Filmografie Refns ein bekanntes Kunst-Phänomen zu beobachten: Das Werk wird immer glatt geschliffener. 

Zwar beinhaltet „Drive“ genauso wie Refns letzter Film „Only God Forgives“ (2013) Szenen extremer Brutalität, deren Wirkung durch den Kontrast mit der ansonsten glatt und glänzend durchgestylten Oberflächen verstärkt wird. Aber beide Filmen büßen gerade dadurch verglichen mit den ersten zwei Machwerken Refns an Struktur ein … wie ich jetzt weiß.

Kürzlich habe ich mir „Pusher“ und „Bleeder“ angesehen und war begeistert. Anders als „Drive“ und „Only God Forgives“ sind die beiden Filme nämlich an sich radikal. Das liegt nicht daran, dass sie in der Summe mehr brutale Szenen aufweisen oder die Akte der Gewalt extremer sind, sondern daran, dass sie durch ihren Drehort Kopenhagen näher an unserem Alltag liegen als die Straßen des nächtlichen Los Angeles oder das in rotes Licht getauchte Bangkok.

Der Däne Refn begann seine Karriere also sozusagen mit Heimatfilmen, bevor es ihn in die weite Welt hinauszog. Als ersten Auslandsausflug hat er sich passenderweise für „Bronson“ (2008 – auch großartig!) zunächst nach England begeben. In „Walhalla Rising“ (2009) ging es dann etwas weiter weg: Hoch in den europäischen Norden und von dort aus erstmals raus aus Europa, ins „heilige Land“ nämlich.

Seinem Thema ist Refn hingegen bisher treu geblieben: Wie auch in seinen späteren Filmen geht es schon in „Pusher“ und „Bleeder“ auf schonungslose Weise um (männliche) Gewalt. Doch im Vergleich mit seinen neueren Werken gibt es in ihnen mehr Handlung und eine deutlichere Entwicklung der Figuren. Das macht „Pusher“ und „Bleeder“ bei aller Radikalität leichtfüßiger – vor allem als „Walhalla Rising“, ein nur schwer durchzustehendes surreales Gewaltepos quasi ohne Dialoge.

Bleeder

„Bleeder“ ist der krassere der beiden Erstlinge. Der Film ist stellenweise unfassbar brutal und das auf eine „psychologische“ Weise. Es fließt zwar auch reichlich Blut, doch was in einem den Impuls, wegzusehen, auslöst, liegt weniger an den expliziten Bildern, als vielmehr in der Handlung selbst, in der Figurenkonstellation und in den Gesichtern der Darsteller, hauptsächlich dem des genial spielenden Kim Bodnia (einigen vielleicht bekannt aus „In China essen sie Hunde“ oder „The Good Cop“).

Bodnia verkörpert Leo, einen in sich gekehrten Typen mit Scheißjob, der seine Freizeit am liebsten mit einer kleinen Gruppe Filmfreaks vertrödelt. Unter ihnen ist auch Louis, der Bruder von Leos schwangerer Freundin Louise (alle wichtigen Figuren haben einen Namen mit L). Mit ihm duelliert sich Leo darum, wer das Sagen hat. Beide haben einen ausgeprägten Hang zur Gewalt, sind aber auf ihre Art auch liebevoll und kameradschaftlich.

Leo ist durch Louises Schwangerschaft in einer Krise. Er will das Kind nicht, fühlt sich in die Enge getrieben und beginnt, Louise zu schlagen. Damit ruft er noch stärker Louis auf den Plan. Am Ende kommt es zu einem Showdown, der in der Filmgeschichte seines Gleichen sucht.

Eine Nebenrolle in „Bleeder“ spielt Mads Mikkelsen: Lenny ist ein schüchterner Kerl, der in einer Videothek arbeitet und auch sonst nichts anderes im Kopf hat als Filme. Er ist Leos bester Freund und verliebt sich während des Films in Lea, eine einsame Imbissbudenverkäuferin. Mit diesem Handlungsstrang setzt Refn der zerfallenden Liebe von Leo und Louise geschickt die aufblühende von Lenny und Lea entgegen. Ansonsten bringt der Film Refn-typisch vor allem die emotionale Verschlossenheit der männlichen Figuren zum Ausdruck – bei „Bleeder“ in der Cliquen-Variante.

Leo und Louis wissen sich nur durch Gewalt zu artikulieren und auch Lenny und Kitjo, das vierte Mitglied des privaten Filmclubs und der Besitzer der Videothek, wissen im Grunde nichts auf die sich steigernden Ausbrüche von Leo und Louis zu erwidern. Sie schweigen oder beschwichtigen die beiden ängstlich, bis es zu naiven Versöhnungen wie unter Schuljungen kommt. Wo Lenny Leo doch einmal wegen dessen Eskalationen zur Rede stellt oder sich bei einem Kioskbesitzer für die rassistischen Beschimpfungen des bekennenden Neo-Nazis Louis entschuldigt, verschlägt es ihm dann die Sprache, wenn er Lea gegenüber steht.

Pusher

Kim Bodnia, Mads Mikkelsen und Zlatko Buric, der in „Bleeder“ Kitjo spielt, bilden auch in „Pusher“ ein großartiges Trio. Der Film ist dynamischer und humorvoller als „Bleeder“. Frank (Bodnia) und Tonny (Mikkelsen) dealen gemeinsam mit allerhand harten Drogen, die Frank vom jugoslawischen Mafioso Milo (Buric) bezieht. Ansonsten streunen sie herum, labern Mist und vergnügen sich. Doch dann geht bei einem kurzfristigen Deal über viel Geld etwas schief. Frank muss vor der Polizei flüchten und die Drogen vernichten.

Nach einer kurzen Untersuchungshaft wird er zwar wieder freigelassen, doch steht nun ohne die Ware da, die er zu Geld machen kann. Frank geht zu Milo und erzählt ihm von dem Vorfall, aber dieser ist plötzlich gnadenlos: Er fordert nicht nur das Geld für die Drogen zurück, sondern auch Zinsen für die verspätete Zahlung. Dazu kommen auch noch alte Schulden, die Frank bei ihm hat. Bis zur Rückzahlung der Gesamtsumme bekommt Frank schließlich 48 Stunden Zeit.

Der berühmte Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Auf Tonnys Hilfe kann Frank dabei nicht mehr bauen, da jener ihn mutmaßlich bei der Polizei angeschwärzt hat. Einzig Milos Killer Radovan und Franks Freundin Vic, eine drogensüchtige Prostituierte, stehen Frank noch zur Seite. Doch auch dieses Eis wird mit der Zeit dünner.

„Pusher“ ist ein packender Thriller mit einem grandiosen Finale, soviel darf auch noch verraten werden. Wie auch „Bleeder“ wird der Film getragen vom überragenden Kim Bodnia. In beiden Filmen gelingt es ihm, auf lakonische Weise zwischen extremen Gefühlen hin- und herzuspringen: Panik, Wut, Verzweiflung, Freude und Liebe – alles abzulesen von diesem merkwürdigen Gesicht in diesem wuchtigen Schädel.

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