„Die Psychologie ist keine Wissenschaft!“

Argument gegen die Einstufung der Psychologie als Wissenschaft
[Ludwig Wittgenstein]
  • Prämisse 1:
    Wissenschaften beruhen auf der unmittelbaren Beobachtung von Phänomenen.
  • Prämisse 2:
    Beobachten ist eine passive Handlung.
  • Prämisse 3:
    Die Psychologie handelt von seelischen Phänomenen.
  • Konklusion 1:
    Wenn die Psychologie eine Wissenschaft ist, beobachtet der Psychologe seelische Phänomene unmittelbar und bleibt dabei passiv.
  • Prämisse 4:
    Die seelischen Phänomene anderer Menschen werden durch körperliche Phänomene wie Bluthochdruck, geweitete Pupillen, verbale Äußerungen u. dgl. m. vermittelt.
  • Konklusion 2:
    Die seelischen Phänomene anderer Menschen kann der Psychologe nicht unmittelbar beobachten.
  • Prämisse 5:
    Die eigenen seelischen Phänomene sind dem Psychologen unmittelbar zugänglich, doch wenn er sie sich vor Augen führt, verändert er sie dadurch.
  • Konklusion 3:
    Auch die eigenen seelischen Phänomene kann der Psychologe nicht beobachten.
  • Konklusion 4:
    Seelische Phänomene lassen sich nicht beobachten.
  • Konklusion 5:
    Die Psychologie kann keine Wissenschaft sein.

[Vgl. Ray Monk: Wittgenstein. Das Handwerk des Genies. Stuttgart: Klett-Cotta 1994, S. 530.]

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6 Gedanken zu “„Die Psychologie ist keine Wissenschaft!“

  1. Hallo,

    in dieser Argumentation muss ich dir (bzw. Wittgenstein) leider widersprechen. Zunächst einmal definiert sich die Psychologie bereits seit den 20er Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts nicht mehr als Wissenschaft des Geistes (oder wie du es nennst, als Wissenschaft der „seelischen Phänomene“) – die moderne Psychologie versteht sich als Wissenschaft vom Verhalten und von mentalen Prozessen. Dass Verhaltensweisen beobachtbar sind, lässt sich wohl kaum abstreiten.

    Zudem gibt es mittlerweile Methoden, Denkprozesse des Menschen (selbstverständlich innerhalb bestimmter Grenzen) objektivierbar zu machen, bspw. durch neurophysiologische Verfahren wie EEG und (f)MRT. Auch die Definition psychischer Störungen erfolgt lediglich nur eine Gruppierung beobachtbarer Verhaltensweisen (Symptome). Die Begründung äthiologischer und therapeutischer Fragen unterscheidet sich je nach psychotherapeutischer Schule, doch auch hier werden Annahmen über psychische Prozesse mithilfe wissenschaftlicher Methoden überprüft.

    Selbstverständlich ist dadurch keine exakte Abbildung der inneren Vorgänge des Menschen möglich – dies liegt im Wesen der Wissenschaft. Wie in ALLEN Wissenschaften können hier nur Hypothesen aufgestellt und mithilfe unterschiedlicher Methoden überprüft werden. Eine Allgemeingültigkeit ist wie in jeder wissenschaftlichen Disziplin nicht gegeben. (Würdest du auch der Biologie ihre Wissenschaftlichkeit aberkennen, weil sich Dinosaurier nicht direkt beobachten ließen, sondern sich nur aus heutzutage vorhandenen Indizien Schlussfolgerungen ableiten lassen?)

    Deine Sicht, dass der psychologische Wissenschaftlicher à la Freud in sich hineinhorcht oder willkürliche Schlussfolgerungen aus dem Verhalten Anderer über das Seelenleben des Menschen zieht, scheint mir sehr veraltet, und ich würde mich freuen, wenn du deine Argumentation nach etwas umfassenderer Beschäftigung mit dem Bereich Psychologie noch einmal überdenken würdest.

    Liebe Grüße
    Senya

    • Hallo Senya,

      zunächst einmal schön, dass Du diese Seite mit einem kritischen Kommentar veredelt hast. Wichtig ist mir, auch nochmal hervorzuheben, dass das Argument tatsächlich Wittgensteins Argument ist und nicht meins. Ich habe es lediglich „paraphrasiert“, wie es so schön umständlich heißt.

      Aber, auch wenn das Argument nicht mein Argument ist, finde ich dennoch, dass es ein gutes Argument ist. Ich werde gerne begründen warum:

      Ich denke, man muss mit einer Kritik an Deiner Kritik anfangen, und zwar an Deiner Aussage, dass „ALLE Wissenschaften nur Hypothesen aufstellen“. Ich bin kein Experte in Wissenschaftstheorie, aber die Disziplinen Mathematik und Logik scheinen mir bei unbezweifelbaren Axiomen anzusetzen, sprich mit Sätzen, von deren Wahrheit man überzeugt sein muss (zum Beispiel: „Jedes Ding ist mit sich selbst identisch“ / a=a, usw.).

      Da Wittgenstein bekanntermaßen Logiker war, denke ich, dass er, was Wahrheit anbelangt, nicht mit sich spaßen ließ: Etwas ist entweder evident wahr oder aus etwas evident Wahrem logisch gültig abgeleitet oder es ist zweifelhaft. Dass sich damit das Spektrum der „tatsächlichen“ Wissenschaften enorm verkleinert, ist klar.

      Ich will nun aber gar nicht darauf eingehen, was eventuell eine Wissenschaft zur Wissenschaft macht, oder Wissen zu Wissen, sondern ich möchte diskutieren, warum auch ich es tatsächlich für bedenklich halte, gerade die Psychologie rein wissenschaftlich zu betreiben – auch wissenschaftlich von mir aus, aber rein wissenschaftlich nicht.

      Die entscheidende Frage ist hier für mich, wer von der Psychologie profitieren soll. Es scheint mir so zu sein, dass „wissenschaftlich“ so viel bedeutet wie objektivierend. Nun verstehe ich aber die menschliche Psyche als das genaue Gegenteil von einem Objekt, nämlich als – zumindest im Kern – reines Subjekt. Wir haben damit die Ausgangssituation, dass die Psychologie das zum Objekt machen will, was aus sich selbst heraus gar nicht Objekt sein kann.

      Nun hat Wittgenstein festgestellt, dass wir vermittelt doch Zugang zur Psyche anderer Menschen haben, nämlich über ihr Verhalten und Aussehen. Schon hier verlassen wir aber streng genommen sicheren Boden, denn wir führen letztlich einen Analogieschluss durch: Ich habe ein Bewusstsein – Ich bin ein Mensch – Also: Die anderen Menschen haben auch ein Bewusstsein.

      Aber geschenkt. Lassen wir den Analogieschluss gelten. Dann haben wir also vermittelt Zugang zu anderer Leute Psychen. Da wir diese aber direkt nicht erreichen können, müssen wir alle Psychen außer unserer eigenen – und die in der Selbstreflexion wahrscheinlich auch – modellhaft konstruieren. Im Grunde sieht die Psychologie als objektivierende Wissenschaft dann also so aus: Man beobachtet x Menschen und leitet daraus durch Induktion Gesetze ab, die gelten, bis sie widerlegt sind. Daraus ergeben sich ein oder mehrere Konstrukte des menschlichen Innenlebens.

      So nun kommt der Punkt: Wem nützen das? – Dem, der an der Veränderung seiner eigenen Psyche interessiert ist, oder dem, der die Psyche eines anderen verändern will? Ich behaupte: Letzterem. Machen wir es plakativ: Die Psychologie erforscht das Verhalten von Menschen im Supermarkt und findet Wahrscheinlichkeiten bezüglich des Kaufverhaltens. Dann kann der Supermarktleiter hingehen und die Regale à la DM schräg aufstellen und ohne dass der Kunde es merkt, findet er DM viel einladender als Schlecker und geht ganz freiwillig immer dahin.

      Wie gesagt, das ist plakativ. Aber reden wir über Therapie. Im Prinzip läuft es dort auf das gleiche Szenario heraus: Der Therapeut objektiviert den Patienten und versucht dann auf ihn einzuwirken. Dies mag sogar gelingen, sogar relativen Erfolg haben, aber ich wage zu bezweifeln, dass es mittel- und langfristig die beste Methode ist, denn der Patient gewinnt keine inneren Einsichten, sondern bleibt in einem Abhängigkeitsverhältnis – fällt die Beeinflussung von außen weg, verpufft der Erfolg, es sei denn, es hat eine Konditionierung stattgefunden.

      Begreift man die therapeutische Psychologie hingegen nicht als objektivierende Wissenschaft, sondern als Lehre vom inneren Erleben, wird sie sicher auf „Gesetze“ und Aussagen kommen, die wissenschaftlicher Prüfung nicht standhalten, weil sie sich gar nicht auf dieser Ebene befinden. Man wird keine Formeln und Statistiken finden, sondern Allegorien und Metaphern, was insofern nicht weniger wert ist als die „objektiven Aussagen“ der Wissenschaft, da alles ohnehin nur Konstrukte der Psyche sind.

      Wie kann man nun auf einen Patienten einwirken? Man kann ihm Aufgaben und Rätsel liefern, die der, der seine psychische Situation verändern will oder muss, zu lösen hat, um seinen Charakter zu stärken und persönlich zu reifen. Man kann auf diese Methoden zwar auch objektivierend kommen, aber was antwortet der objektive Therapeut, wenn der Patient nachfragt, warum eine bestimmte Methode angewendet werden soll? – „Es hat sich gezeigt, dass x Menschen so und so reagiert haben bzw. durch die und die Herausforderung gereift sind, also sollten sie sich auch so verhalten!“?

      Ich soll also von der Brücke springen, nur weil es alle machen?

      Mir scheint eine wissenschaftliche Psychologie zu Therapieformen hinzuführen, die nur für unkritische Menschen geeignet sind, weil diese Psychologie im Zweifel keine intellektuell befriedigenden Antworten geben kann, sondern sich erstens nur auf tote Untersuchungen berufen kann und zweitens die Begriffe, mit denen sie umgeht, nur schwer mit konsistentem Inhalt füllen wird. Zum Beispiel: Wenn die Psychologie nur noch das Verhalten untersucht, wer untersucht dann jetzt die Psyche, sprich „Seele“? Die Seele ist doch wohl nicht einfach verbal unter den Teppich gekehrt worden, weil es zu schwer war, sie zu finden, oder? Oder wurde die Seele als leeres Wort entlarvt? Aber was steuert denn dann mein Verhalten? Von wem rede ich überhaupt gerade, wenn ich keine Seele habe? Vielleicht rede ich nur von toter Materie, aber dann BIN ICH tote Materie und da ICH von MIR reden kann, muss da doch wohl doch etwas IN MIR sein, was MICH ausmacht.

      Ich glaube, dass Wittgenstein, der erstens oft äußerst depressiv war, was in ihm den Wunsch nach Veränderung geweckt hat, und zweitens ein absoluter Wahrheits- und Weisheitssucher – womit sich auch der Kreis zum Anfang meiner Antwort schließt –, die Psychologie als strenge Wissenschaft aus ähnlichen Gedanken heraus abgelehnt hat. Auch wenn es heute ja schon fast schockierend klingt, glaube ich außerdem, auch hier nahe bei Wittgenstein, dass diese „subjektive Psychologie“ – ich nenne sie einfach mal so – mehr oder weniger direkt ins Religiöse bzw. Esoterische führt, denn welche Fragen sind für jemanden, der sich radikal selbst auf einem Weg sieht, letztlich sonst von Belang?

      Der gewichtigste Einwand gegen eine „subjektive Psychologie“ – ich bleibe mal bei dem Terminus – scheint mir das Risiko, an einen Quacksalber zu geraten, der einen Patienten nach gut dünken anleitet. Aber erstens kann der Umgang mit einem solchen schlechten Wegweiser gerade eine entscheidende Hürde zu einer wichtigen Charakterveränderung sein, nämlich zu der Einsicht, dass man sich in erster Linie auf sich selbst verlassen muss.

      Zweitens scheint mir das Risiko einer „objektivierenden Psychologie“ ungleich höher zu sein. Den Einwand, den der Abhängigkeit von äußeren Umständen, habe ich ja schon genannt. Natürlich meint man zunächst, dass man als Patient durch das ganze Wissenschaftssystem in den Genuss gesicherter Forschungsergebnisse und Methoden kommt, aber sind nicht gerade Statistiken und Forschungsberichte für den Patienten völlig untransparent? Muss er sich nicht blind einem ihm unbegreiflichen System unterwerfen. Und ich spreche hier noch nicht einmal von der Pharmalobby! Das Gesundheitssystem an sich reicht schon aus, damit einem halbwegs kritischen Menschen Angst und Bange wird, wenn er sich die dort herrschenden Faktoren vor Augen führt. Und darauf soll man seine Seele verwetten?

      Übrigens führt Wittgensteins Argument meiner Meinung auch auf einem anderen Weg ins Religiöse. Wenn man nämlich annimmt, dass man das eigene Bewusstsein durch die Betrachtung, sprich Selbstreflexion schon verändert, kann man nie in eine stabile Position kommen, um auf sein Leben einzuwirken, denn der Ausgangspunkt jeder Veränderung ist immer schon hinfällig. Daraus folgt aber doch: Man muss sich fügen! Und daraus folgt: Wem oder was muss man sich fügen? Und schon ist man wieder auf dem Weg…

    • Vielen Dank für deine Antwort, du schreibst sehr schön und man merkt, dass du dich mit dem Thema bereits intensiv auseinandergesetzt hast. Im Endeffekt bleibt bei mir allerdings der Eindruck, dass du weniger für die Aussage „Die Psychologie ist keine Wissenschaft“ argumentierst, sondern vielmehr vor einer Verallgemeinerung psychologisch-wissenschaftlicher Befunde warnst bzw. Grenzen dieser Wissenschaft aufzeigst. In diesen Punkten kann ich dir nur zustimmen.

      Allerdings solltest du in deine Betrachtung mit einbeziehen, dass die Psychologie als Wissenschaft möglicherweise gar nicht den Anspruch hat, alles mit der Psyche in Verbindung Stehende zu erklären. Eine Disziplin kann doch nicht nur dann als Wissenschaft betrachtet werden, wenn sie vollständigen Aufschluss über alle mit dem Bereich assoziierten Fragen geben kann. Meines Wissens existiert eine solche Wissenschaft auch nicht.

      Als einen weiteren wichtigen Punkt erachte ich, dass sich objektive und subjektive Wahrheiten nicht zwangsläufig ausschließen. Die Psychologie versucht doch keineswegs, allgemeingültige therapeutische Wege aufzuzeigen, die immer und bei jedem Patienten wirksam sein sollen. Untersuchungsgegenstände der Therapiewissenschaften beziehen sich vielmehr darauf, welche Methoden häufig und bei den meisten Patienten Erfolg haben. Diese Mittel und Wege befreien den Therapeuten selbstverständlich nicht davon, sich eigenständig und empathisch auf den jeweiligen Patienten einzustellen und mit ihm gemeinsam den bestmöglichen Weg zu finden. Eine Aussage der Therapiewissenschaft könnte beispielsweise lauten: „Empathische Therapeuten erzielen statistisch häufiger einen Therapieerfolg bei ihren Patienten“. Die Fähigkeit zur Empathie könnte durch Maße wie Selbst- oder Fremdbeurteilungsfragebögen festgestellt werden, oder auch durch Tests, die messen, inwiefern sich eine Person in die Situation einer anderen hineinversetzen kann. Vielleicht wird dabei deutlich, dass die Psychologie als Wissenschaft in der Regel tatsächlich nur das untersucht, was sie auch zu messen vermag (z.B. dass das soundso beobachtete Verhalten XY einen Einfluss auf das soundso beobachtete Verhalten YZ hat), und nicht etwa für sich beansprucht, allgemeingültige Sätze über das Seelenleben des Menschen aufzustellen. Im Gegensatz zur Philosophie stellt sich die Psychologie nicht die Frage „Was ist die Psyche?“, sondern beschäftigt sich mit konkret beobachtbarem Verhalten (Verhalten sollte in diesem Kontext übrigens nicht als „Handlung“ verstanden werden, sondern als jegliche Veräußerlichung innerer Vorgänge).

      Mögliche Fragen der Psychologie könnten sein: Wie verhalten wir uns in bestimmten sozialen Situationen? Unter welchen Bedingungen können wir gut lernen? Wie viel können wir uns merken? Wozu dient der Schlaf? Was passiert auf neurophysiologischer Ebene im Traum? Welche Hormone steuern wie unser Verhalten? Wie kann unsere Erziehung unsere Persönlichkeit beeinflussen? Welche Rolle spielen Genetik und Umwelt in unserer Entwicklung? Welche psychischen Symptome treten häufig zusammen auf? Haben bestimmte Lebensereignisse einen Einfluss auf die Ausprägung psychischer Störungen? Erzielen mehr Patienten eine Besserung der Symptome bei Therapie XY oder bei Therapie YZ? … usw.

      Den Ausgangspunkt für solche Beobachtungen bieten häufig theoretische Konstrukte wie bspw. Persönlichkeitsdimensionen. Diese sind angreifbar, da sie in sich selbst nicht für wahr befunden werden können, sondern für die nur entsprechende Beweise erbracht werden können – hier zeigen sich Parallelen zu physikalischen oder chemischen Modellvorstellungen. Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Hilfskonstruktionen lediglich eine Annäherung an eine objektive Wahrheit darstellen, und als diese sollte man sie auch betrachten. So ist beispielsweise „Intelligenz“ kein beobachtbarer Gegenstand, und dennoch scheint es ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zu geben, die dazu führen, dass die Ergebnisse einer Person sich über unterschiedliche Aufgabentypen hinweg und zu unterschiedlichen Zeitpunkten zuverlässig gleichen. Ebensowenig fassbar ist die „Persönlichkeit“ eines Menschen. Und doch beschreiben sich Personen immer wieder in denselben Dimensionen – verschiedene Verhaltensweisen und Gefühlsmuster lassen sich in den unterschiedlichsten Situationen immer wieder beobachten. Wissenschaftler sollten sich diesen metaphorischen Charakter solcher Aussagen stets vor Augen halten und Definitionen klar abstecken: Was meinen wir damit, wenn wir z.B. von „Extraversion“ sprechen? (einen Menschen, der gerne Kontakt zu anderen Menschen hat, gerne auf Partys geht, etc). Analogien müssen als solche behandelt werden.

      Generell ist die Psyche des Menschen natürlich nur begrenzt erforschbar. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die Psychologie objektive Aussagen zu treffen vermag – objektiv in dem Sinne, dass eine Aussage nur über den Gegenstand gemacht wird, der tatsächlich beobachtet werden kann (übrigens finde ich hier die Betrachtung eines anderen Menschen als Objekt zulässig, denn subjektiv kann doch nur die Betrachtung seiner selbst sein). Dass die so getroffenen Aussagen nicht unzulässig verallgemeinert werden dürfen, stellt meiner Meinung nach ebenfalls ein wichtiges Prinzip jeder Wissenschaft dar.

  2. Hallo,

    das ist ein interessanter Austausch, den ihr hier zu diesem Thema führt. Das ist ja an sich ein altes Thema, das etwa schon im Psychologismustreit Gegenstand von Diskussionen war. Es geht dabei m.A. eben auch um die alte Unterscheidung von rationalem und empirischem Denken oder der Unterscheidung von Denken a priori und a posteriori, die Kant aufstellte.

    Wenn man allerdings wie Kant der Ansicht ist, dass bestimmte Verstandesleistungen oder kognitive Fähigkeiten des Menschen wie das Denken in Ursachen-Wirkungszusammenhängen, der Inhärenz und Subsistenz und der Wechselwirkung von diesem und jenem – Kant hat diese Bereiche in seinen Kategorien zusammengefasst – wirklich eine genuin menschliche Fähigkeit ist und somit a priori besteht, dann hat die empirische Psychologie ein ziemliches Problem.

    Denn wenn dem so ist, setzt sie das explanans und das explanandum (die Erklärung und das zu Erklärende) gleich und unterliegt somit einem Zirkelschluss bzw. wird tautologisch. Denn es macht keinen Sinn, kognitive Fähigkeiten, die von vorneherein da sind und die Grundlage des Denkens – und somit auch der emprischen Psychologie darstellen – mit eben denselben zu erklären. Grundsätzlich ist es schon möglich, doch die Sinnhaftigkeit geht dabei streng genommen verloren.

    Als Analogie kann man sich einem Beispiel mit einem Fussball zuwenden, das als Metapher dienen kann, um zu verdeutlichen, dass ein Totalreduktionismus – der freilich nicht von allen Teilen der Psychologie vertreten wird, doch nicht allzu selten doch immer wieder hervorkommt, gerade wenn es Zuständigkeitsstreitigkeiten oder ähnliches gibt – kaum eine Hilfe ist. Angenommen ich wüsste alles – also wirklich alles erfahrbare – über die materielle Zusammensetzung eines Fussballs, könnte ich dadurch mehr mit anfangen als zuvor? Ich denke, nur sehr begrenzt. Ähnlich würde es mir doch kaum weiterhelfen, wirklich alles über die materielle Zusammensetzung meines biologischen Körpers zu wissen. Freilich würden sich dabei sicher einige interessante Erkenntnisse auftun, doch es ist zweifelhaft, ob sie geeignet wären, einem im Alltag oder bei Lebensfragen eine Hilfe zu sein.

    Ein weiteres Problemfeld der empirischen Psychologie ist m.A. der Umstand, dass die empirische Wissenschaft „klassisch“ gesehen mit der Methode des Experiments bzw. dem Trial and Error verfahren arbeitet, wie etwa Popper das postuliert hat. Nun tut sich die empirische Wissenschaft bei ihren Untersuchungsgegenständen traditionell leichter, wenn es sich dabei um unbelebte Untersuchungsgegenstände handelt, da diese kaum Ärger machen können.

    Die empirische Psychologie hat nun die undankbare Aufgabe, mit den Methoden des Experiments – die auf die Erforschung von unbelebter Materie ausgelegt sind – das Verhalten des Menschen zu objektivieren. Der Widerspruch besteht nun darin, dass die Psychologie das Verhalten von einem Wesen – dem Menschen – dingfest und objektivierbar machen will, das sich allerdings wohl oder übel zumindest in Teilen selber bedingt bzw. determiniert. Ich finde, den Widerspruch etwas wissenschaftlich objektivierbar zu machen, das sich diesem mit den gleichen (kognitiven) Fähigkeiten, die auch die Wissenschaft selber benötigt, um ihr Handwerk zu betreiben, einfach entziehen kann, kaum zu beseitigen. (Ich argumentiere hier mit Kant und stimme ihm zu)

    Die empirische Psychologie kann wohl tatsächlich bei einer nicht geringen Anzahl von Menschen und Problemen wirklich substantielle Hilfe leisten. Wenn es aber um grundsätzliche Lebensfragen geht – so wie der Autor das bei Wittgenstein angedeutet hat – ist sie schnell am Ende und kann in vielen Fällen sogar nicht unerherblichen Schaden anrichten.

  3. Danke für diese Diskussion! Ich beschäftige mich gegenwärtig viel mit der Frage ob Psychologie und Psychiatrie wissenschaftlich genannt werden können. Es wäre schön, wenn ich von dir, MP, noch weitreichendere Quellenamgaben oder Literaturempfehluen zu diesem Thema haben könnte.

    Ich bin dzt in der Facharztausbildung „Psychiatrie“ und komme Schritt für Schritt zu der Erkenntnis, dass das was ich mache eigentlich keine wissenschaftliche Basis hat. Deswegen stelle ich auch immer mehr meinen Berufswunsch in Frage. Vor allem das Thema „Zwangsbehandlung“ ist für mich schwer zu akzeptieren.

    Hättest du noch Literaturempfehlungen zu diesen Themen? Würde mir sehr helfen!

    Danke!

    • Hallo und danke für das Feedback.
      Ich bin kein Experte auf diesem Gebiet, kann dir aber zunächst diesen Text von mir empfehlen. Darin wird die Problematik des Ich noch einmal in anderem Kontext kurz angerissen und mit verschiedenen philosophischen Positionen in Verbindung gebracht, mit denen du dich anschließend beschäftigen könntest. Dann wäre natürlich generell das Gebiet Wissenschaftstheorie interessant. Und da du das Thema „Zwangsbehandlung“ ansprichst, natürlich auch Foucault (z. B. „Die Geburt der Klinik“, „Wahnsinn und Gesellschaft“ und „Überwachen und Strafen“). Empfehlenswert finde ich in diesem Kontext auch noch „Die Furcht vor der Freiheit“ von Erich Fromm. Und auch Goethe steuert gute Gedanke zum Thema Objektivität-Subjektivität bei.

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