2.3 – Assoziatives Gedächtnis

Die dritte psychische Ebene ist das assoziative Gedächtnis, das für die gewohnheitsmäßigen Verhaltensweisen wie Assoziation, Reproduktion oder den bedingten Reflex verantwortlich ist. Wie Scheler noch einmal wiederholt, ist der Instinkt sowohl die Quelle für die gewohnheitsmäßigen Tätigkeiten, wie auch für die Intelligenz. Das assoziative Gedächtnis ist keine Fähigkeit von Pflanzen, sondern setzt erst bei den Tieren ein, da erst diese dazu in der Lage sind, ihr Verhalten aufgrund früheren Verhaltens „in einer lebensdienlichen, also sinnvollen Weise langsam und stetig ab(zu)ändern[1]. Je mehr Versuche ein Tier unternimmt, desto sinnvoller hat sein Verhalten zu werden. Entscheidend für die Zuerkennung eines assoziativen Gedächtnisses ist nicht die wiederholungstriebbedingte Tatsache, dass ein Tier Probierversuche unternimmt, sondern, dass es sich mit der Zeit auf die erfolgreichen, d. h. triebbefriedigenden Bewegungen beschränkt.

Als Grundlage für das assoziative Gedächtnis nennt Scheler die bedingten Reflexe, welche dafür sorgen, dass etwa der Pawlow’sche Hund schon auf vermeintliche Fütterung mit der Bereitschaft zur Nahrungsaufnahme reagiert, weil dieses Verhalten eingeübt wurde. In einer etwas rätselhaften Passage äußert sich Scheler weiter so:

Nur die psychische Analogie dazu ist die sog. „assoziative Gesetzlichkeit“, nach der ein erlebter Gesamtkomplex von Vorstellungen sich wiederherzustellen und seine fehlenden Glieder zu ergänzen strebt, wenn ein Teil dieses Komplexes, z. B. ein Teil der Umwelt, sensorisch oder motorisch wiedererlebt wird. Die sog. Assoziationsgesetze für die Reproduktion resultieren hieraus. [2]

Nachdem Scheler klargemacht hat, dass es weder reine Empfindungen, noch reine Assoziation gibt, fügt er an:

Alles assoziative Gedächtnis steht unter der determinierenden Kraft von Trieben, Bedürfnissen und deren Aufgaben, die diese selbst (oder der Zwang des Dresseurs) setzen. Es handelt sich bei den Assoziationsgesetzen – genauso wie bei den Naturgesetzen der Physik, die Gesamtvorgänge betreffen – wahrscheinlich nur um statistische Regelmäßigkeiten, nicht um Elementargesetze des Seelenlebens […]. Alle Begriffe wie „reine“ Empfindung, assoziatives Reflex etc. haben daher den Charakter von Grenzbegriffen, die nur die Richtung einer gewissen Art von psychischen bzw. physiologischen Veränderungen andeuten.[3]

Scheler weist das assoziative Gedächtnis allen Tieren zu und sieht es als eine Folge des Reflexbogens, der die „Scheidung des sensorischen vom motorischen Systeme“[4] bezeichnet, an. Im Folgenden behandelt er den Begriff „Tradition“ und unterscheidet diese schon das Verhalten von Tieren beeinflussende Form von allen exklusiv menschlichen Arten auf Vergangenes freibewusst oder mit Hilfe von Zeichen Bezug zu nehmen. Auch wenn Traditionen sehr wohl auch noch den Menschen beeinflussen, so scheint er sich geradezu durch den Abbau von ihnen auszuzeichnen.

Gleichwohl ist es nach Scheler so, dass das assoziative Gedächtnis zu einem höheren Grad der Individuierung führt, als es auf Ebene des Instinktes möglich ist, da dieser sich allein auf die Belange der Art bezieht. Mit dem assoziativen Gedächtnis kann sich das Individuum neuen Situationen anpassen und sich so aus den Fesseln der Art lösen.

Das gilt auch für die Triebe, Gefühle, Affekte. Der vom Instinkt entbundene Trieb erscheint relativ schon bei den höheren Tieren – damit freilich auch der Horizont der Maßlosigkeit: er wird schon hier zu möglichen Lustquelle, unabhängig vom Ganzen der Lebenserfordernisse. […] Wird das Triebleben, das ursprünglich durchaus auf Verhaltungsweisen und Güter, und keineswegs auf die Lust als Gefühl gerichtet ist, vom Menschen prinzipiell als Lustquelle benutzt, wie in allem Hedonismus, so haben wir es mit einer späten Dekadenzerscheinung des menschlichen Lebens zu tun. […] Das „Lustprinzip“ ist also nichts Ursprüngliches, wie der Hedonismus, ein Bruder des Sensualismus, meint, sondern Folge erst gesteigerter assoziativer Intelligenz. Erst im Menschen nimmt diese Isolierbarkeit des Triebes aus dem instinktiven Verhalten und die Trennbarkeit von Funktions, und Zustandslust die ungeheuerlichsten Formen an, so daß man mit Recht gesagt hat, der Mensch könne immer mehr oder weniger als ein Tier sein, niemals aber – ein Tier.[5]

In dieser Passage wird deutlich, dass die Entwicklung von Individuen und die Eigenschaft, Lust gezielt zu befriedigen und zu maximieren, über die Stufe des Instinktes hinausgehen müssen, da dieser allein der Art dient. Durch das assoziative Gedächtnis wird erst die Grundlage zu dieser Entwicklung geschaffen, denn um Lust steigern zu können, braucht man Erinnerung daran, was zuvor Lust verschafft hat.


[1] S. 25.

[2] S. 26

[3] S. 27.

[4] S. 28.

[5] S. 31.

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