3. Das Kapitalistisch-Unreale

Im dritten Kapitel geht Mark Fisher zunächst auf die Geschichte des Begriffs „Kapitalistischer Realismus“ ein. Dieser wurde bereits in der 1960er Jahren von den deutschen Künstlern Gerhard Richter, Sigmar Polke, Wolf Vostell und Konrad Luek als ironischer Gegenbegriff zum „Sozialistischen Realismus“ verwendet. 1984 tauchte er mit derselben Absicht in Michael Schudsons Buch „Advertising. The Uneasy Persuasion“ auf. Fisher fasst den Begriff hingegen weiter:

In meinem Verständnis kann man mit dem Begriff „kapitalistischer Realismus“ nicht die quasi-propagandistische Art und Weise beschreiben, in der z. B. Werbung funktioniert. Kapitalistischer Realismus ist eher eine Art alles durchdringender Atmosphäre, die nicht nur die Produktion von Kultur bestimmt, sondern auch die Regulation von Arbeit und Bildung. Er wirkt eher wie eine unsichtbare Barriere, die unser Denken und Handeln einschränkt.[1]

Widersprüchlicher Realismus

Will man den kapitalistischen Realismus wirkungsvoll kritisieren, muss man ihm nach Fisher eine inhärente Unlogik nachweisen, denn eine moralische Kritik, die sich auf ein utopisches Zukunftspanorama stützt, kann von ihm als unrealistische Spinnerei abgetan werden.

Was vom Begriff „Realismus“ bezeichnet wird, ist für Fisher nämlich politisch definiert und damit prinzipiell verhandelbar. Andersherum heißt das, dass der Kapitalismus als heutige Ideologie so erfolgreich ist, weil es ihm gelingt, wie das natürlichste System der Welt zu wirken.

Als Beispiele für diese kapitalistische Verkehrung der maßgebenden Werte nennt Fisher die Gesundheitsvorsorge und das Bildungssystem. Beide hatten und haben sich in Folge des Neoliberalismus in einer Form neu aufzustellen, die nach kapitalistischen Grundregeln funktioniert, das heißt: wie Wirtschaftsunternehmen. Der moralische Wert wird zum Geldwert transformiert.

Die Kapitalismuskritik muss sich gegen diesen Diskurs zur Wehr setzen und herausarbeiten, dass die kapitalistische Wahrheit kontingent und eben nicht naturgegeben ist. Schon die jüngere Geschichte macht das für Fisher deutlich: Was vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar erschien – beispielsweise die Privatisierung der Eisenbahn – ist heute Realität. Spiegelverkehrt muss das, was einst denkbar war und heute nicht mehr als denkbar erscheint, wieder denkbar werden.

Realität vs. Reales

Fisher seziert den Begriff „Realismus“ mit Jaques Lacan bzw. Slavoj Žižek weiter, indem er auf die psychoanalytische Unterscheidung zwischen der „Realität“ und dem „Realen“ hinweist. Während Letzteres – in klassischer Terminologie – die Substanz der Dinge bezeichnet, ist die „Realität“ für Lacan ideologisch vermittelt. Sie stützt sich nicht auf das Reale, sondern entsteht überhaupt erst aus seiner Verdeckung. Darum gilt:

Das Reale ist ein nicht repräsentierbares X, eine traumatische Leere, die nur in den Brüchen und Inkonsistenten der offenkundigen Realität entdeckt werden kann. Dementsprechend sollte eine Strategie gegen den kapitalistischen Realismus sein, dass man die Formen des Realen anruft, die der Realität, die der Kapitalismus uns gegenüber präsentiert, zugrunde liegen.[2]

Als erstes Beispiel für eine Kritik dieser Art nennt Fisher den Zusammenhang von Kapitalismus und Zerstörung der Umwelt. Weil der Kapitalismus auf stetigem Wachstum fußt, benötigt er permanent Ressourcen. Diese sind aber endlich. Und genau hier ist ein innerer Widerspruch des Kapitalismus: Langfristig gesehen zerstört er seine eigene Grundlage und damit sich selbst.

Die Themen Umweltzerstörung und Nachhaltigkeit werden zwar vom Kapitalismus selbst aufgegriffen, jedoch nur oberflächlich und zu Marketingzwecken, denn eine Steigerung des Absatzes verträgt sich nicht mit der Einsparung von Ressourcen. Bestenfalls werden bestimmte Rohstoffe durch andere ersetzt.

Ausblick: Psychische Krankheiten und Bürokratie

Der Rest des Kapitels ist Ausblick. Fisher nennt zwei Bereiche, die ebenfalls die innerliche Widersprüchlichkeit des kapitalistischen Realismus aufzeigen, aber noch nicht so politisch sind wie der Umweltschutz: Psychische Krankheiten und Bürokratie. Mit diesen beiden Themen will er sich auf den nächsten Seiten beschäftigen, auch weil er selbst als Lehrer an einer Fachoberschule eigene Erfahrungen auf diesen Feldern gesammelt hat.

Den Zusammenhang von psychischen Krankheiten und dem kapitalistischen Realismus sieht Fisher in einer Korrelation von neoliberaler Politik in den USA, GB und Australien und dem Anstieg von psychischen Krankheiten. Fisher stellt in diesem Kontext folgende Frage:

Wie konnte es zur Normalität werden, dass so viele Menschen, und insbesondere so viele junge Menschen, als psychisch krank angesehen werden?[3]

Für Fisher wird trotz des statistisch sichtbaren Zusammenhangs die gesellschaftliche Dimension von Stress und psychischen Krankheiten ausgeblendet und beides zur Privatsache erklärt.

Das zweite Phänomen, das Fisher in den Blick nehmen will, die Bürokratie, ist für ihn als Kapitalismuskritiker relevant, weil dem Sozialismus von Neoliberalisten stets vorgeworfen worden war, ineffizient und träge zu sein. Doch nun, so Fisher, erleben wir eine ähnliche Situation auch bei uns im neoliberalen Wirtschafts- bzw. Schulsystem. Letzteres lehnt sich nämlich immer stärker an die Wirtschaft an und erbt damit auch ihre Probleme.

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[1] Mark Fisher: Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? Eine Flugschrift. Hamburg: VSA 2013, S. 24.

[2] S. 26.

[3] S. 28 f.

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