2. Der passive Mensch

Im zweiten Kapitel[1] kommt Fisher auf die These zurück, dass der Kapitalismus seiner eigenen Antithese selbst einen Raum zuweist. Im ersten Kapitel wurde Nirvana als Beispiel für diese Eingliederung des Antikapitalismus genannt, nun ist es der Disney/Pixar-Film Wall-E. Wie in vielen Hollywood-Produktionen spielt in Wall-E ein großes Unternehmen die Rolle des Bösen. Aber nach Fisher

[bestärkt] dieser gestische Antikapitalismus den kapitalistischen Realismus eher, als dass er ihn unterminiert.[2]

In Anlehnung an den österreichischen Philosophen Robert Pfaller qualifiziert Fisher das, was Filme wie Wall-E beim Zuschauer etablieren, als „Interpassivität“. Dieser Begriff soll deutlich machen, wie sich auch der kritische Bürger im kapitalistischen System verhält: Er denkt die Kritik, handelt aber weiter kapitalistisch konsumierend.

Kapitalismus als verschleierte Ideologie

Mit Slavoj Žižek analysiert Fisher dieses Phänomen tiefergehend und stellt fest, dass der Kapitalismus folglich ohne Propaganda auskommt. Das unterscheidet ihn von früheren Konkurrenzsystemen wie dem Faschismus oder dem Stalinismus. Beide werden aus heutiger kapitalistisch-neoliberalistischer Sicht als Ideologien bewertet und abgelehnt, weil ihnen unterstellt wird, die Wahrheit einer Illusion geopfert zu haben.

Nach Žižek liegt diesem Urteil ein Trugschluss zu Grunde, denn für ihn ist

die fundamentale Ebene der Ideologie […] nicht die der Illusion, sondern die einer unbewussten Fantasie, die unsere soziale Realität selbst strukturiert. Und auf dieser Ebene sind wir selbstverständlich weit davon entfernt, eine postideologische Gesellschaft zu sein.[3]

Die Folge dieser Fehleinschätzung ist nun genau diese Kluft zwischen kritischem Anspruch und systemgemäßen Handeln:

Solange wir nur (in unserem Herzen) daran glauben, dass der Kapitalismus schlecht ist, haben wir die Freiheit, am kapitalistischen Tausch weiter teilzunehmen. [4]

Leben in Ironie

Das passende Schlagwort in diesem Kontext ist: „Ironie“. Der heutige Bürger lebt in Distanz sowohl zu historischen Ideologiemodellen als auch zu sich selber. Durch diese Bewertung auch seiner eigenen Handlungen von außen meint er, mit ihnen nicht substanziell verbunden zu sein. Aber das stimmt nicht: Er handelt immer noch und löst damit reale Effekte aus.

Bezieht man diesen Zeitgeist auf aktuelle Protestformen gegen den Kapitalismus wie „Occupy Wallstreet“ wird deutlich, wie schwach diese sind, denn die Wut der Bürger richtet sich im Sinne der oben beschriebenen Externalisierung lediglich gegen die offensichtlichen Exzesse global agierender Konzerne. Damit wird das systematische Grundproblem verkannt und versäumt, eigene, antikapitalistische Modelle zu entwickeln und in die Köpfe zu bringen.

Weil sie offensichtlich selbst nicht an eine funktionierende Alternative glaubt, erledigt sich die Kapitalismuskritik damit im Grunde selbst und verkommt zu einer „Art karnevalistische[m] Hintergrundgeräusch zum kapitalistischen Realismus“[5].

Der böse Vater versteckt sich

Nach Fisher ist die Kapitalismuskritik so wirkungslos geworden, weil sich nicht erkannt hat, dass der Kapitalismus seine Form gewandelt hat. Personifiziert man den Kapitalismus und analysiert ihn dann, konnte man ihm früher ganz einfach die Rolle des bösen Vaters zuweisen, der selbst „unbegrenzt Zugriff auf Ressourcen“ hatte, diese aber vor allem für sich selbst reklamierte und das „‚Recht‘ auf totalen Genuss einschränkte“[6].

Heute hingegen vermeidet die politische Elite, dass entsprechende Assoziationen entstehen, und die Kritik weiß auf diesen verschleiernden Schachzug nicht zu reagieren, auch weil sie nicht sehen will, warum der Kapitalismus so erfolgreich ist:

Um eine richtige politische Agenda zu haben, müssen wir zuerst akzeptieren, dass wir auf der Ebene des Begehrens in die erbarmungslose Tretmühle des Kapitals eingebunden sind. […] In einem gewissen Sinne ist  die politische Elite tatsächlich unsere Diener; aber ihre miserable Dienstleistung besteht darin, uns von unserer Libido reinzuwaschen und vollkommen gehorsam unsere verleugneten Verlangen für uns darzustellen, so als ob diese nichts mit uns zu tun hätten.[7]

Man muss dem modernen Bürger also Doppelmoral unterstellen: Er will seine eigene, auf unschönen Motivationen beruhende, Mittäterschaft beim bösen Kapitalismus nicht akzeptieren und zieht es vor, die Schuld bei anderen zu suchen, vornehmlich bei besonders großen und skrupellosen Unternehmen.

Laut Fisher sind die Live-8-Konzerte ein symptomatischer Ausdruck dieses verirrten Denkens. Von der Elite (Rockstar Bono) selbst organisiert verkaufen sie zusammen mit der Marke „Product Red“[8] die abwegige Idee, dass man den Kapitalismus mit Kapitalismus bekämpfen, Armut in der dritten Welt mit Konsum abschaffen könnte. Hier wird beispielhaft die systematische Ebene umgangen und der Eindruck erzeugt, der passive Konsument könnte politische Aktivität ersetzen durch eine andere Form der Passivität, sprich anderen Konsum.

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[1] Mark Fisher: Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? Eine Flugschrift. Hamburg: VSA 2013.

[2] S. 20.

[3] Slovoj Žižek: „How Did Marx Invent the Symptom?“ In: The Sublime Object of Ideology, S. 11-53. Zitiert nach: Fisher, S. 20.

[4] S. 21.

[5] S. 22.

[6] Ebd.

[7] S. 23.

[8] „Product Red“ ist ein Label für Produkte, deren Erlös teilweise globalen Hilfsprojekten – etwa zur Bekämpfung von Aids – zu Gute kommt.

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