7 – Das metaphysische Verhältnis des Menschen zum Grund der Dinge

Im letzten Kapitel widmet sich Scheler noch einmal dem göttlichen Sein. Er fragt, wie das „metaphysische Verhältnis des Menschen zum Grund der Dinge[1] ist und kommt zu dem Schluss:

Für uns liegt das Grundverhältnis des Menschen zum Weltgrund darin, daß dieser Grund sich im Menschen – der als solcher sowohl als Geist- wie als Lebewesen nur je ein Teilzentrum des Geistes und Dranges des „Durch-sich-Seienden“ ist – ich sage: sich im Mensch selbst unmittelbar erfaßt und verwirklicht.[2]

Scheler beginnt das Kapitel nicht mit dieser Antwort. Zunächst äußert er die These, dass die „Idee eines überweltlichen unendlichen und absoluten Seins[3] zusammen mit dem Menschen geboren wird. Er formuliert:

Welt-, Selbst- und Gottesbewußtsein bilden eine unzerreißbare Struktureinheit […][4]

Da der Mensch über Welt- und Selbstbewusstsein verfügt, muss er, gewissermaßen außerhalb der Welt stehend – Scheler sagt auch: „weltexzentrisch“[5] -, die Frage nach seiner Stellung im Kosmos stellen. Dabei erkennt er die „Möglichkeit des ‚absoluten Nichts‘“[6] und fragt daraufhin nach der Entstehung der Welt und von sich selbst.Es gibt, nach Scheler, nur zwei Möglichkeiten, auf diese „Entdeckung der Weltkontingenz“[7] und des weltexzentrischen Seins zu reagieren: Mit Metaphysik und mit Religion. Letztere wird aus dem „Drang nach Bergung[8] geboren, gibt das Verhältnis des Menschen zum Grund der Dinge aber für Scheler nicht korrekt wieder, da er keinen persönlichen, geistig-allmächtigen Gott anerkennt. So bleibt für ihn nur die Metaphysik. Diese ist nicht aus einem, gewissermaßen negativen, Impuls entstanden, wie die Religion, sondern aus der Verwunderung des Menschen über sein eigenes Sein. Der Metaphysiker sucht also keinen Schutz, sondern Erkenntnis; er will „das Absolute […] erfassen und sich in es ein()gliedern[9].

Gott verwirklicht sich für Scheler somit im Menschen, steht ihm nicht gegenüber:

Der Ort dieser Selbstverwirklichung, sagen wir: gleichsam jener Selbstvergottung, die das Durch-sich-seiende-Sein sucht und um deren Werden willen es die Welt als eine „Geschichte“ in Kauf nahm – das eben ist der Mensch, das menschliche Herz. Sie sind der einzige Ort der Gottwerdung, der uns zugänglich ist – aber ein wahrer Teil dieses transzendenten Prozesses selbst.[10]

Scheler erkennt, dass dieser Gedanke nicht dasselbe Potenzial hat, Trost zu spenden, wie die Lehren der Religionen, sieht aber darin kein Manko der Metaphysik, da Stützung schwacher Seelen nicht ihre Aufgabe sei. Für Scheler ist die Stellung Gott gegenüber keine passiv-distanzierte, sondern es ist ein Mitwirken:

Man kann an seinem Leben und seiner geistigen Aktualität teilhaben nur durch Mitvollzug, nur durch den Akt des Einsatzes und der tätigen Identifizierung.[11]

Trost kann der Metaphysiker allerdings sehr wohl finden, und zwar in der bisherigen Geschichte, verstanden als „Werk der Wertverwirklichung“[12].


[1] S. 87.

[2] S. 91.

[3] S. 88.

[4] S. 89.

[5] S. 90.

[6] S. 88.

[7] S. 90.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] S. 91 f.

[11] S. 93.

[12] Ebd.

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