5.2 – Die klassische Theorie vom Menschen

Scheler steht in diesem letzten Punkt der klassischen Theorie näher, unterscheidet sich aber insofern von ihr, als er dem ursprünglichen Geist, dessen Genese er, wie gesagt, übergeht, keine Anfangsenergie zugesteht, während die klassische Theorie den Geist von Beginn an mit „Selbstmacht“, mit einer „ursprünglichen Kraft“[1] ausstattet. Auch für die klassische Theorie zählt Scheler einige typische Vertreter auf, die er wiederum zwei verschiedenen Hauptformen der kT zuordnet: So vertraten etwa Kant, Hegel, Fichte, Schelling u. a. die Auffassung, es existiere „nur ein einziger Geist […], im Verhältnis zu dem alle einzelnen Geister nur Modi oder Tätigkeitszentren sind“[2]. Als Vertreter der anderen Hauptform, die Scheler nur „Substanzlehre“ nennt, und deren Inhalt er in verworrenen Worten nur andeutet, wird explizit nur Thomas von Aquin genannt. Des Weiteren stehen für die kT u. a. Platon und Aristoteles, sowie die jüdisch-christliche Religion im Ganzen Pate. Wie zuvor bei der negativen Theorie[3] identifiziert Scheler einen Grundmangel:

Es besitze Geist und Idee eine ursprüngliche Selbstmacht – er sei auch ohne den Lebensdrang ein mächtiges, ja allmächtiges Prinzip. […]

Der Grundirrtum […] ist ein […] mit dem ganzen Weltbild zusammenhängender Irrtum: anzunehmen, daß diese Welt, in der wir leben, von Hause aus und konstant so geordnet sei, das [sic] die höheren Seinsformen nicht nur an Sinn und Wert, sondern – hier beginnt der Irrtum – auch an Kraft und Macht zunehmen, je höher sie sind.[4]

Wie bei der Kritik an der negativen Theorie schon angeklungen, sieht Scheler den „Kräfte und Wirkstrom[5] gerade andersherum verlaufen, also von unten nach oben – der Geist wird entmachtet. Scheler sieht in seinem Stufenmodell vom Anorganischen bis hoch zum Geist jede Stufe der nächsthöheren überlegen. Diese Annahme begründet Scheler sowohl quantitativ – es findet sich mehr Anorganisches als Lebendiges im Kosmos – als durch die jeweiligen Abhängigkeiten der Seinsformen voneinander: Die Pflanze speist sich aus Anorganischem, das Tier aus dem Pflanzlichen, der Mensch aus Pflanze und Tier. Auch wenn man die Menschheit exklusiv betrachtet, ist laut Scheler eine Machtlosigkeit des Geistigen bzw. der Geistigen gegenüber der dumpfen, trägen Masse der weniger geistigen, also mehr triebgesteuerten Menschen zu beobachten. Poetisch formuliert er:

Kurz und selten sind die Blüteperioden der Kultur in der menschlichen Geschichte. Kurz und selten ist das Schöne in seiner Zartheit und Verletzlichkeit.[6]

Höhere Seinsformen beziehen ihre Kraft und sogar Lebendigkeit, nach Scheler, ausschließlich aus den ihnen untergeordneten Formen. Alles Leben beruht so letztlich auf anorganischen Stoffen.[7] Per Analogieschluss folgert er, dass es sich mit Leben und Geist auch so verhalten muss. Wie schon ausgeführt, sieht Scheler den Geist als ursprünglich energielos an und meint, er beziehe seine Kraft durch Triebsublimierung. Der Begriff „Sublimierung“[8] kann als „aufsteigend“ übersetzt werden und in diesem Sinne verwendet ihn Scheler, wenn er im folgenden Textabschnitt annimmt, dass die Natur in ihrer ganzen Komplexheit auf einer Ursprungsebene aus einzelnen Kraftzentren besteht, deren Verhalten zueinander nur dem Zufall unterliegt und keiner sonstigen Gesetzlichkeit. Letztere würde erst vom Menschen in die Natur hineingelesen werden. Die „wahren ontischen Gesetze“ wären dann, nach Scheler, die „Gestaltgesetze“ und die Naturgesetzlich wäre „wieder einheitlich()[9]. Die Folge wäre, dass Sublimierung nicht nur von Trieb zu Geist stattfinden würde, sondern „in jedem Grundvorgang“[10].

Überhaupt sieht Scheler die Sublimierung nicht nur in physikalischen Prozessen am Werk, sondern auch in der Geschichte des Menschen. So würden sich nur Ideen durchsetzen, welche die „Vital- und Triebsphäre“ im Rücken hätten und keine aus sich selbst heraus wirkenden Ideen.

Scheler wertet, wie man sieht, den Geist gegenüber den Anhängern der klassischen Theorie deutlich ab. Die Grundenergie überhaupt jeder Tätigkeit ist keine geistige, sondern die des Dranges. Deshalb ist es laut Scheler auch zwecklos, den Drang bzw. Trieb mittels des Geistes bekämpfen zu wollen, wie dies in manchen ethischen Auffassungen vorgeschrieben wird. Alles, was der Geist gegen den Trieb ausrichten kann, ist eine lockende Beeinflussung – eben Lenkung und Leitung. Essenziell ist es dabei, dass der Geist dem Trieb positive Zielvorstellungen vorgibt. Im Umkehrschluss heißt das, dass kein moralisches Ziel dem Trieb so fern liegen darf, dass er nicht davon angezogen wird. Die Folge ist für Scheler:

So muß der Mensch auch sich selber dulden lernen –  auch diejenigen Neigungen, die er als schlecht und verderblich in sich erkennt. Er darf sie nicht durch direkten Kampf angreifen, sondern muß sie indirekt überwinden lernen durch Einsatz seiner Energie für wertvolle Aufgaben, die sein Gewissen als gut und trefflich erkennt und die ihm zugänglich sind. In der Lehre vom „Nichtwiderstand“ gegen das Böse schlummert […] eine große Wahrheit.[11]


[1] S. 63.

[2] Ebd.

[3] Von Scheler auf S. 65 auch „Materialismus und Naturalismus“ genannt, auf S. 70 „mechanisch“. – Die klassische Theorie nennt er dort „Vitalismus und Idealismus“, auf S. 70 „teleologisch“.

[4] S. 64 f.

[5] S. 65.

[6] S. 66.

[7] „Der Lebensprozeß, an sich ein gestalteter Vorgang in der Zeit von eigener Struktur, wird verwirklicht ausschließlich durch die Stoffe und Kräfte der anorganischen Welt. […] Das Mächtigste, was es in der Welt gibt, sind die ideen-, formen- und gestalt“blinden“ Kraftzentren der anorganischen Welt als unterste Wirkpunkte dieses Dranges.“ [S. 66 f.]

[8] Sublimierung oder Sublimieren von lat. sublimis „hoch in der Luft befindlich, schwebend“, sublime (Adverb) „in der Höhe, in die Höhe“.

[9] S. 67 f.

[10] S. 68.

[11] S. 69.

2 Gedanken zu „5.2 – Die klassische Theorie vom Menschen

  1. Danke für diese Zusammenfassung. Präzise und doch zeitsparend und in einem angenehmen Stil zu lesen.
    Ich war gerade bei der Zusammenstellung benötigter Schriften Schelers für eine Masterarbeit und kann nun diese Abhandlung thematisch besser zuordnen.

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