Gottesbeweis von Voltaire

Der folgende Gottesbeweis ist einem Buch mit Aphorismen von Voltaire entnommen:

  • Prämisse 1:
    Jede Maschine hat einen Konstrukteur.
  • Prämisse 2:
    Das Weltall ist eine Maschine.               
  • Konklusion: 
    Das Weltall hat einen Konstrukteur.

Da kann man einmal sehen, wie schnell man zu Gott finden kann, wenn man nur ein bisschen nachdenkt.

Voltaire qualifiziert das Argument als schlüssig, das heißt, er sagt, nicht, wenn P 1 und P 2 richtig sind, dann existiert Gott, sondern sieht P 1 und P 2 als tatsächlich gegeben an – darum „Beweis“. Allerdings könnte man auch auf die Idee kommen, die beiden Prämissen gegeneinander auszuspielen. Entweder sagt man gegen P 1: Nicht jede Maschine hat bewiesenermaßen einen Konstrukteur, nämlich die Maschine Weltall nicht. Oder gegen P 2: Das Weltall ist doch nicht bewiesenermaßen eine Maschine – sonst zeig mir den Konstrukteur.

Aber das ist nur meine bescheidene Meinung.

Übrigens: So unklug, wie ich ihn hier erscheinen lasse, war Voltaire natürlich nicht. In demselben Büchlein, in dem ich auf so ziemlich jeder Seite einen Gedanken als merkenswert markiert habe, findet sich nämlich noch dieses Argument, mit dem man schon besser arbeiten kann (aber das ist wieder nur meine Meinung):

  • Prämisse 1:
    „Unser Planet besteht entweder nach rein physikalischen Gesetzen aus sich selber, oder ein höheres Wesen hat ihn nach seinen selbsterfundenen Gesetzen geschaffen.“
  • Prämisse 2:
    „In beiden Fällen sind diese Gesetze als unantastbar zu betrachten, und in beiden Fällen ist die Einrichtung der Erde unveränderlich, vernünftig und notwendig.“
  • Konklusion:
    Die herrschenden Gesetze sind als unantastbar zu betrachten und die Einrichtung der Erde ist unveränderlich, vernünftig und notwendig.

Zwei Sachen finde ich bemerkenswert, weil sie meiner Meinung nach nicht nur hier zutreffen. Erstens: Das erste Argument für die Existenz Gottes, von Voltaire immerhin als schlüssig beurteilt, hat eine primitive logische Form. Ich sehe darin eine Bestätigung meiner These, dass es immer dann, wenn von Grundsätzlichem gesprochen wird, einfach zugeht. Ist diese These richtig, speisen sich die Schwierigkeiten mit der Erkenntnis also aus anderen Quellen – etwas Komplexes, Praktisches, Zerredetes, vermeintlich Subjektives überhaupt auf etwas Grundsätzliches zurückzuführen, zum Beispiel.

Zweitens: Voltaire hat ohne Zweifel einen Platz ersten Ranges in der Ruhmeshalle der europäischen Denker. Trotzdem kann jeder leicht die Einwände gegen sein 1. Argument nachvollziehen und muss ihm demnach widersprechen. Daraus gilt es nicht zu lernen: Auch Autoritäten irren eben manchmal – sondern: Auch Autoritäten können irren. Ob sie es tun, muss man aber selbst beurteilen können. Wieder einmal geht es mir also darum, zu begründen, dass man selbst gefordert ist.

Thomas Bernhard hat diese Forderung in „Drei Tage“ einmal so formuliert, dass man gewissen Schriftstellern so weit verfällt, dass man sich gegen sie zur Wehr setzen muss [vgl. hier: http://www.youtube.com/watch?v=P3Hi7PgsBfg – ab 40:27]. Gerade weil man von manchen Denkern und Künstlern, die einfach schon vor einem da waren und vieles von dem schon klar erfasst, präzise formuliert oder in eine bestimmte Form gebracht haben, was einen selbst auch beschäftigt, gepackt wird, muss man sich aktiv gegen sie zur Wehr setzen, um nicht von ihnen erdrückt zu werden. Wo wehrlose Hingabe waltet, ist man nur Untertan – Fan! – oder Nacheiferer und kann sich niemals selbst entfalten.

Wie so oft herrscht also Ambivalenz: Man erkennt die Richtigkeit mancher Gedanken und Formen und muss sie doch in Frage stellen. Liebe für und Hass gegen das Alte mischen sich und bewirken ein Neu-Schaffen, weil der Konflikt eine Form braucht.

Das philosophische Nachdenken ist also immer auch ein aggressiver Akt: Man will selbst Stärke und Scharfsinn beweisen und sich nicht einfach nach jemand anderem richten. Darum ist es auch erhebend, wenn man einem Voltaire einen Denkfehler nachweisen kann.

Natürlich ist das nur kurz erhebend, denn wenn Voltaire zu Recht zu den Vorbildern, zu den persönlichen Provokateuren zählt, bleibt man nicht bei dieser Ablehnung, sondern muss sich ihm irgendwann wieder annähern, da er auf Probleme gestoßen sein wird, auf die man bald auch selbst stößt. Man kann dann Verständnis für die Fehler aufbringen, und muss sie nicht mehr zum Inhalt eines Vorwurfs machen.

So wie man im konkreten Leben gegen seine Eltern rebellieren muss, um seine Persönlichkeit zu entwickeln, so im intellektuellen und künstlerischen gegen die Vorbilder und Genies. Und wie im (gelungenen) konkreten Leben kommt nach Rebellion eine neue Form der Liebe.

Vielleicht endet damit aber auf kreativer Ebene auch die Motivation zum Schaffen. Ich weiß es nicht. Wie auch? – wahrscheinlich plappere ich gerade eh nur meinen Vorbildern nach dem Mund.

[Voltaire: Schule der Toleranz. Zeitgemäße Aphorismen und zeitlose Erkenntnisse des großen Philosophen. (Reihe: Weisheit der Welt.) Bern, München, Wien: Scherz Verlag, S. 58 und 72.]

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