Thomas Bernhard „Heldenplatz“ – Der Skandal | III.3.b) Die Deutungen der Kronen Zeitung

Alle diese Ereignisse flossen in die mediale Deutung von Heldenplatz mit ein. Die federführende Rolle der Kronen Zeitung wird von B. Felderer detailliert untersucht.[122] Sie ist der Ansicht, dass

die gezielte Skandalisierung des Stückes nur möglich war, weil bestimmte Argumentationstrategien [sic] mit der Affäre Waldheim ins Standardrepertoire gewisser journalistischer Meinungsmacher in Österreich (wieder-)aufgenommen worden waren und so eine Art alt-neuen Kanon reaktionärer Kultur- und Innenpolitik im Österreich der späten achtziger Jahre schufen.“[123]

Wie die Autorin an Hand einer Analyse der einzelnen Zeitungstexte deutlich macht, versuchte die „Krone“ durch die Skandalierung von Heldenplatz ihre Rolle als Wortführerin des rechts-konservativen Österreichs, die sie schon während der Waldheim-Affäre zementiert hatte, weiter zu festigen. Ihr Umgang mit dem Theaterstück und seinen vermeintlich skandalösen Sätzen wurde durch die „Erzeugung eines ‚Wirundunser-Gefühls‘“[124] beherrscht, d. h. die Beiträge der „Krone“ zielten darauf ab, Bernhard und Peymann zu Stellvertretern des links-liberalen Österreichs bzw. jüdischer Interessen im In- und Ausland zu erklären, um daraufhin gegen dieses Feindbild aller „bewußten Österreicher“[125] entschieden Stimmung zu machen. Die Strategien, derer sich die Zeitung dabei bediente, sind vielfältig. Zunächst wird durch die häufige Verwendung vereinender Formulierungen wie „in unserem Burgtheater“ oder „aus unseren Taschen“ ein Wir-Gefühl geschaffen. Der eigenen Gruppe wird dann eine „Gruppe der ‚Anderen‘“[126] gegenübergestellt, deren Opposition zu den eigenen Werten durch negative Charakterisierungen – häufig aus dem Bereich „Schmutz“ – deutlich betont wird. Heldenplatz wird so zur „Österreich-Besudelung“, Bernhard zum „Schmuddelliterat“ mit einem „literarischen Dreckkübel“.[127] In einem Beitrag von Kurt Seinitz in der „Krone“, mit dem er auf den Vorwurf antwortet, Österreich blamiere sich durch den Skandal vor dem Ausland,[128] sind nahezu alle diese Elemente aufzufinden:

Welches Ausland bitte? Es handelt sich dort doch wohl wiederum nur um jene ausländischen (und inländischen) Kreise, die sich bis heute nicht schämen, daß sie mit gefälschten Dokumenten und Verleumdungen eine Anti-Waldheim und Anti-Österreich-Kampagne inszeniert haben, und die bereits heute aus dem Peymann-Bernhard-Skandal eine neue Waldheim-Affäre konstruieren. Der Normalbürger im Ausland bringt wohl wenig Verständnis dafür auf, daß in einem Staatstheater unter der Patronanz einer staatstragenden Partei und mit dem Geld der Steuerzahler eine nationale Selbstbesudelung inszeniert wird. So etwas kommt im Ausland auch gar nicht vor. So etwas ist auch nur eine österreichische Spezialität und stößt deshalb auf erhöhtes ausländisches Interesse. Dieses normale Ausland hat wenig gemein mit dem seltsamen Ausländer Claus Peymann, dessen ruhrgermanisches Besatzungsregime an der Burg den Öst´rreichern [sic] zeigen will, was´ne Harke ist. Und die Österreicher lassen sich das gefallen.[129]

Wie solche wertenden Urteile deutlich machen, lässt die Berichterstattung der „Krone“ jegliche Neutralität vermissen. Das kann sie sich erlauben, weil sie sich formal auf die Seite ihres prototypischen Lesers schlägt – dem kleinen Mann – und vorgibt, nur das auszusprechen, was dieser denkt. Teil dieser opportunistischen Taktik ist es, gewisse Feindbilder aufzubauen, über die sich der Leser empören kann. Neben den Politikern im Allgemeinen sind dies im Heldenplatz-Skandal vor allem Typen, die schon während der Waldheim-Affäre oder noch früher geboren wurden:

„der“ Ausländer, „der“ avantgardistische Künstler, „der“ Nestbeschmutzer, „die“ in- und ausländischen Kreise.[130]

< | >

Zur Gliederung

Zum Literaturverzeichnis


[122] Vgl. Felderer: Theaterbrand.
[123] Ebd., S. 212. Eine soziolinguistische Analyse der Berichterstattung von Neue Kronen Zeitung und Presse zur Waldheim-Affäre liefert analoge Ergebnisse und stützt diese These. [Vgl. Wodak: Antisemitismus.]
[124] Felderer: Theaterbrand, S. 214.
[125] Euphemismus für „nationalistischer Österreicher“ in einem Leserbrief. [Vgl. Neue Kronen Zeitung, 16.10.1988.]
[126] Felderer: Theaterbrand, S. 216.
[127] Hierzu und für weitere Beispiele vgl. ebd.
[128] Vgl. Burgtheater: Dokumentation, S. 50.
[129] Seinitz: Ausland, Neue Kronen Zeitung, 15.10.1988.
[130] Felderer: Theaterbrand, S. 218.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.