Thomas Bernhard „Heldenplatz“ – Der Skandal | I.1. Etymologie von „Skandal“

Die Geschichte des Begriffs „Skandal“ führt bis in die griechische Antike zurück.[7] Das Wort „skándalon“ bezeichnete damals einen Teil einer Tierfalle, wobei in der Forschungsliteratur keine Einigkeit darüber herrscht, ob dieser Teil ein „Stellhölzchen“ oder ein „Fallstrick“ (oder beides) war. In jedem Fall löste das „skándalon“ die Falle aus, ärgerlich für das betroffene Tier und Ausgangspunkt der sich im Folgenden entwickelnden metaphorischen Bedeutungen, die auf dieses „Ärgernis“ verweisen sollten. Die Begriffsgeschichte erhielt diese Richtung vor allem durch die Verwendung in der Bibel, wo das Wort zunächst „Verführung“ resp. „Anlass zu Sünde“ bedeutete. Die Bedeutung verschob sich mit der Zeit vom sündhaften Verhalten des Einzelnen, das ihn und nur ihn in die Verdammnis befördern konnte, im Alten Testament zu der sozialen Dimension im Neuen, wo das „skándalon“ bzw. „Skandalum“ fortan die „Gefährdung des gesamten Glaubens“, und d. h. der Glaubensgemeinschaft, bezeichnete. Die Verbindung von Skandal und Norm hat hier ihren Ausgangspunkt, denn Glaubensinhalte und allgemeine Normen waren, zumindest bis zur Zeit der Aufklärung, weitestgehend gleichzusetzen. Das „skándalon“ gelangte dann mit der Übersetzung der Bibel in den französischen Sprachraum. „Scandale“ entwickelte sich dort zum allgemeinen „öffentlichen Ärgernis“ und diese Bedeutung – „Ärgernis“, „anstoß-/aufsehenerregender schmachvoller Vorgang“ – erbte im 16. Jh. auch das deutsche Lehnwort „Scandal“. An dieser Bedeutung änderte sich danach im Grunde nichts mehr. Noch heute meint der „Skandal“ laut Duden ein „Geschehnis, das Anstoß und Aufsehen erregt“, umschließt daneben allerdings auch noch die (als veraltet qualifizierte) Variante „Lärm, Radau“. Auch das griechische Wort „Skandalon“ ist im Deutschen heute noch gebräuchlich.[8] 

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[7] Vgl. zum gesamten Abschnitt: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen: Skandal, S. 1298; Neuhaus: Sperrbezirk, S. 41; Friedrich: Literaturskandale, S. 7-8; Neckel: Stellhölzchen, S. 56 und Burkhardt: Medienskandal, S. 137-141.
[8] Vgl. Duden: Skandal und ebd.: Skandalon.

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