4. Zum Verhältnis vom Psychischen und Physischen

Wie bereits kurz angesprochen, kommen auch die Neurowissenschaften nicht ohne ein wie auch immer geartetes „Ich“ aus. Trotz – beziehungsweise gerade wegen – aller angestrebten Objektivität in der Beschreibungsweise gelingt es nicht, das subjektive Bewusstsein (des Menschen) in der Sprache der Naturwissenschaften zu beschreiben. Ohne ins Detail der einzelnen neurowissenschaftlichen Positionen zu gehen, sollen nun die wichtigsten Wissenschaftstheorien zum Verhältnis von Leib und Seele kurz benannt werden. Dabei soll deutlich werden, in welcher Weise beide Komponenten kausal aufeinander einwirken können.

Im Psychophysischen Parallelismus werden Körper und Seele als zwei voneinander unabhängige Bereiche angesehen, zwischen denen es keine kausale Verursachung gibt. Diese findet nur innerhalb eines Bereiches statt. Ein gutes Anschauungsbeispiel dieses Zusammenhangs liefert das Bild zweier Uhren, die allein auf Grund ihrer perfekten Konstruktion stets synchron laufen. Ein prominenter Vertreter dieser Theorie war G. W. Leibniz, der allerdings trotz der eigentlich strikten Trennung Gott als vermittelnde Instanz zwischen Körper und Seele annahm.

Die nun folgenden Theorien – Epiphänomenalismus, Materialismus und Identitätstheorie – lassen sich unter dem Schlagwort Physikalismus subsumieren, da sie alle davon ausgehen, „dass die logisch-mathematisch strukturierte, mit raum-zeitlichen Parametern operierende Sprache der Physik diejenige Sprache sei, auf die sich alle anderen Sprachen zurückführen lassen“[1].

Für den Epiphänomenalismus existieren zwar sowohl der Bereich des Physischen wie auch der des Psychischen, letzterer bleibt aber ohne Kausalität und ist lediglich Begleiterscheinung (Epiphänomen) des Physischen. Ein passendes Bild dazu ist das Pfeifen einer Dampflok, das von der Maschine verursacht wird, aber nicht auf diese zurückwirken kann.

Der Materialismus hingegen leugnet die Existenz zweier Wirklichkeitsbereiche (Dualismus) gänzlich, ist also monistisch ausgerichtet. Eine speziell geistige Substanz existiert für ihn ebenso wenig wie unreduzierbar geistige Eigenschaften[2]. Er spaltet sich in diverse Untergruppen auf, von denen allerdings keine diese strenge Linie konsequent aufrechterhalten kann. Der Grund dafür liegt darin, dass Theorien, die nur das Physische als Wirkungsbereich annehmen, wie zum Beispiel der materialistisch ausgerichtete Behaviorismus, wissenschaftstheoretisch als unterkomplex beurteilt werden müssen: Der intuitiv empfundene Unterschied zwischen mentalen und physischen Phänomenen lässt sich nicht allein dadurch beseitigen, dass Mentales zu Physischem erklärt wird. So können auch der eliminative Materialismus, der Mentalem nur eine Existenz im eigenen begrifflichen Rahmen zugesteht, und der nicht-reduktive Materialismus, der mentale Zustände für vollständig erfasst hält, wenn „sie relational, d. h. in Bezug auf andere mentale Zustände ausgewiesen sind“, dem Anspruch einer rein physikalischen Erklärung mentaler Phänomene nicht gerecht werden.

In der Identitätstheorie schließlich wird angenommen, dass psychische Phänomene mit physischen korrelieren, das heißt identisch sind. So lassen sich die psychischen Phänomene hinsichtlich ihrer Beschreibung und ihrer Bedeutung als autonom auffassen, hinsichtlich ihres Referenten hingegen sind sie empirisch belegbar und können dadurch kausal wirken. Anschaulich machen lässt sich diese Position am Beispiel von Wasser, das als H2O auch im Sinne seiner chemischen Struktur aufgefasst werden kann.[3]


[1] Brinkmeier, Birger: Physikalismus, Artikel in: Metzler Lexikon Philosophie, 3. Aufl., Hg. von P. Prechtl,   Stuttgart: J. B. Metzler, 2008.

[2] Vgl. Birke, Markus: Materialismus, Artikel in: Ebd.

[3] Vgl. Seifert, Kap. 4, S. 66 – 70.

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