Albert Camus: „Der Mythos des Sisyphos“

Teil 1:

Ich habe meine Camus-Lektüre heute fortgesetzt und mit dem Mythos des Sisyphos begonnen. Da ich gestern nichts zum „Fremden“ geschrieben habe und ich beim Lesen auf viele interessante Punkte gestoßen bin, muss ich geradezu versuchen, heute ein paar Notizen zustande zu bringen. Auf Grund der Komplexität, die mir begegnet, ist dies natürlich kein einfaches Unterfangen, doch auch umso notwendiger. Ich bitte um Verständnis, dass ich keine umfassenden Werkbeschreibungen geben kann, sondern mich auf einzelne Aspekte beschränke.

Ich beginne mit dem Mythos. Camus widmet sich darin, der Frage, ob es das Leben wert ist, gelebt zu werden. Die Frage nach dem Selbstmord ist für ihn das einzige philosophische Problem von Belang. Wie kommt er zu dieser extremen Position? Ich denke, man kann es so formulieren, dass sowohl das Gefühlsleben, wie auch die Vernunftbetrachtung den Menschen ab einem bestimmten Punkt dazu zwingen, anzuerkennen, dass sein Leben in seiner unreflektierten alltäglichen Form sinnlos ist, das heißt keinem höheren, metaphysischen Zweck folgt. Durch diese Erkenntnis wirft sich ihm die Frage nach dem Umgang mit dieser Sinnlosigkeit auf und der Selbstmord erscheint ihm als eine logische Konsequenz. Zu Unrecht, wie Camus beweisen will.

Der Kernbegriff dieses Zusammenhanges ist das Absurde. Camus gibt viele Definitionen dazu, etwa: „Diese Entzweiung zwischen dem Menschen und seinem Leben, zwischen dem Handelnden und seinem Rahmen, genau das ist das Gefühl der Absurdität. Da alle gesunden Menschen an Selbstmord gedacht haben, wird man ohne weitere Erklärungen erkennen können, daß zwischen diesem Gefühl und dem Streben nach dem Nichts eine direkte Verbindung besteht“. [Camus: Der Mythos des Sisyphos, Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbeck bei Hamburg, 2006, S. 14]. Später folgt die berühmte Definition: „Das Absurde entsteht aus diesem Zusammenstoß zwischen dem Ruf des Menschen [,in (ihm) sein Verlangen nach Glück und Vernunft,] und dem vernunftlosen Schweigen der Welt“. [Ebd. S. 41]

Camus gelangt auf zwei Wegen zur Absurdität. Der eine ist der des Gefühls, der andere – wie sollte es anders sein? – der der Vernunft. Ersteres kann „an jeder beliebigen Straßenecke jeden beliebigen Menschen anspringen“ [S. 20]. Es sorgt dafür, dass die Kulissen des Alltages einstürzen, dass sich Überdruß gegen seine Monotonie bildet, dass der Mensch keine Antwort mehr auf das „Warum?“ findet. [S. 22f] Das Gefühl des Absurden ist überwältigend und lässt nur zwei Reaktionen zu, Verdrängung oder Erwachen. Die Verdrängung erfolgt unbewusst und aus Angst vor den Konsequenzen, die ein Leben umzuwerfen vermögen. Natürlich kann dies nicht der richtige Umgang mit dem Gefühl des Absurden sein. Nur das Erwachen erkennt seine Bedeutung an und lässt auf längere Sicht ein Leben mit ihm zu, „(d)enn mit dem Bewusstsein fängt alles an, und nur durch das Bewusstsein hat etwas Wert“. [S.22] Laut Camus enthüllt das Gefühl des Absurden das wahre Antlitz der dinglichen Welt, und dies nicht im Sinne einer Wahrheit, die in ihr verborgen liegt, sondern, im Gegenteil, im Sinne einer Aufhebung aller vermeintlichen Wahrheiten, die der Mensch im Laufe seiner Geschichte in die Welt hinein interpretiert hat. So verlieren alle Dinge „den trügerischen Sinn, in den wir sie hüllten, und sind von nun an ferner als ein verlorenes Paradies. Die ursprüngliche Feindseligkeit der Welt kommt, durch die Jahrtausende hindurch, wieder auf uns zu“. [S. 24] Der Mensch erlebt das Absurde also auch und gerade durch ein Gefühl der Fremdheit gegenüber der Welt, die er Zeit seines Lebens naiv und unreflektiert erlebt hatte und zu der er nun in dieser Form nicht mehr zurück findet. Auch das Selbst ist von diesem neuen Blick betroffen, auch das Selbst ist sich nicht mehr vertraut und im Spiegel oder auf Fotos erblickt es einen Fremden. [Vgl. S. 25].

Soviel zum Gefühl des Absurden. Camus wiederholt, dass es ihm nicht um eine Beschreibung dieser Erlebnisse geht, sondern darum, zu untersuchen, ob aus ihnen die Verneinung des Lebens in letzter Konsequenz (logisch) folgt. Er widmet sich sodann dem zweiten Weg, der Vernunft, der meiner Meinung nach, die interessanteren Überlegungen beinhaltet (vielleicht, weil ich die Argumente durch den Universitätsalltag nur zu gut nachspüren kann).

Eigentlich kann man diesen Punkt schnell abhandeln. Camus, gestützt auf Aristoteles, der schon seiner Zeit erkannt hatte, dass „[das Denken] auf einen Widerspruch (stößt), sobald [es] über sich selbst reflektiert“ [S. 27], folgert, dass die Logik den Menschen zu keiner letzten Wahrheit führen kann, da „der Geist, der die Wirklichkeit verstehen will, sich erst dann zufriedengeben (kann), wenn er sie auf Denkbegriffe zurückgeführt hat“. [S. 28] Das bedeutet, dass der Mensch die Welt nur aus seiner Perspektive heraus verstehen kann. Zwar sehnt er sich nach einem alles einenden Prinzip, aber bereits durch den Widerspruch, der in diesem Wunsch liegt, nämlich die Verneinung seiner eigenen individuellen Existenz, wird die Brüchigkeit dieses Wunsches deutlich. Das Ergebnis ist das Drama des Menschen. [Vgl. S. 28f]

Als weitere Gewissheit neben der, keine letzte logische Wahrheit zu finden, führt Camus sodann den Tod an, der jeden Menschen ereilen wird. Er bemerkt ironisch, dass nicht viele Denker, dieses Faktum wirklich anerkannt hätten und weist darauf hin, dass deshalb „in diesem Essay als ständige(r) Bezug die Kluft“ zu sehen ist, die „zwischen dem, was wir zu wissen vermeinen, und dem, was wir wirklich wissen“, liegt, „zwischen dem praktischen Einverständnis und der vorgetäuschten Unwissenheit, die bewirkt, daß wir mit Vorstellungen leben, die , wenn wir sie wirklich empfinden würden, unser ganzes Leben erschüttern müßten“. [S. 29] Hier wird wieder auf die Verdrängung der Absurdität eingegangen und mir scheint, als könne man hier ansetzen, um eine Religionskritik zu formulieren (was für die Interpretation von Der Fremde wichtig sein wird), denn benutzen die Menschen nicht die Religion hauptsächlich zur Linderung der Angst vor dem drohenden Nichts und als Legitimation eines Lebens, das im Lichte der Sinnlosigkeit nicht zu führen wäre?

Ich werde vielleicht später darauf zurückkommen. Für den Moment ist festzuhalten, dass Camus eine wahre Erkenntnis, außer der, dass das Leben endlich ist, nicht einräumt. Er sagt es freilich lyrischer: „Das Herz in mir kann ich fühlen, und ich schließe daraus, daß es existiert. Die Welt kann ich berühren, und auch daraus schließe ich, daß sie existiert. Damit aber hört mein ganzes Wissen auf; alles andere ist Konstruktion. Wenn ich dieses Ich […] zu fassen, […] zu definieren und zusammenzuhalten versuche, dann zerrinnt es mir wie Wasser zwischen den Fingern. […] Selbst dieses Herz, das doch meines ist, wird mir immer undefinierbar bleiben. Nie wird der Graben zu füllen sein zwischen der Gewißheit meiner Existenz und dem Inhalt, den ich dieser Gewißheit zu geben suche. Ich werde mir selbst immer fremd sein.“ [S. 30]

Nun folgt der beeindruckende Teil, von dem ich bereits sprach und den ich in voller Länge zitieren möchte, da er meiner Meinung nach einige wichtige Zusammenhänge auf den Punkt bringt. Camus richtet sich in seiner Rede explizit gegen die moderne Naturwissenschaft und ihren Anspruch, Wahrheit bereit zu stellen. Eine Argumentation, die ich schon oft im Stillen für mich „angedacht“ habe – natürlich in weit weniger geschliffener Form – und ich denke, dass nicht nur mich das Kernproblem, das Camus hier schildert, schon beschäftigt hat. Es ist sozusagen der ewige Kreislauf des Denkens, das an keinen Endpunkt kommen will, der hier beschrieben wird, die unüberbrückbare Differenz von Subjektivität und Objektivität. Man selbst steht in der Welt und will verstehen und umso weiter man denkt, desto weniger kann man verstehen, bis man am Ende wieder am Anfang ist. Man schreibt es zuerst der eigenen Unzulänglichkeit zu, aber dann grübelt man sich die Werke der größten Geistesgrößen hinein und bemerkt schließlich, auch sie haben sich letztlich nur in etwas verrannt, sind in all den Jahren und auf all den Seiten nicht vom Fleck gekommen, haben kein einziges Problem gelöst, sondern es nur immer weiter aufgebläht, bis sie sich dann schließlich in Widersprüchen komplett festgezurrt haben und mit sprachlichen Tricks versuchen mussten, ihr Gesicht zu wahren und dem Leser ihr Versagen zu verschleiern. Die, die alle Voraussetzungen vergessen wollten, haben am Ende selbst die stärksten Voraussetzungen gemacht und die, die direkt viel festgesetzt haben, konnten doch nichts wirklich erklären. Darum hat man die Geistesmenschen irgendwann nicht mehr ernst genommen und sich fortan an die „Naturwissenschaften“ gehalten, um zu gesicherter Erkenntnis zu gelangen, doch wie Camus es uns aufzeigen wird, funktioniert das nicht so reibungslos wie die abstrakte Welt der Wissenschaft uns glauben machen will:

„Es gibt Bäume, ich kenne ihre runzlige Rinde, und Wasser, ich koste dessen Geschmack. Dieser Duft nach Gras und der Sternenschein, nachts, an bestimmten Abenden, an denen das Herz weit wird – wie könnte ich die Welt leugnen, deren Macht und Stärke ich empfinde? Trotzdem gibt mir alles Wissen über diese Erde nichts, was mich sicher sein ließe, daß diese Welt mir gehört. Ihr beschreibt sie mir, und ihr lehrt mich, sie zu klassifizieren. Ihr zählt ihre Gesetze auf, und in meinem Wissensdurst halte ich sie für wahr. Ihr zerlegt ihren Mechanismus, und meine Hoffnung wächst. Schließlich lehrt ihr mich, dieses blendende und bunte Universum lasse sich auf das Atom zurückführen und das Atom wieder auf das Elektron. Das ist alles sehr schön, und ich warte, daß ihr fortfahrt. Doch ihr erzählt mir von einem unsichtbaren Planetensystem, in dem die Elektronen um einen Kern kreisen. Ihr erklärt mir die Welt in einem Bild. Jetzt merke ich, daß ihr bei der Poesie gelandet seid: nie werde ich wirklich etwas wissen. Habe ich etwas Zeit, darüber entrüstet zu sein? Ihr seid schon wieder bei einer anderen Theorie. So läuft diese Wissenschaft, die mich alles lehren sollte, schließlich auf eine Hypothese hinaus, die Klarheit versinkt in einer Metapher, die Ungewußheit löst sich in einem Kunstwerk auf. Bedurfte ich so vieler Anstrengungen? Die sanften Linien dieser Hügel und die Hand des Abends auf meinem erregten Herzen lehren mich viel mehr. Ich bin wieder beim Ausgangspunkt angelangt. Ich begreife: gewiß kann ich diese Erscheinungen wissenschaftlich fassen und aufzählen, doch kann ich damit noch nicht die Welt ergreifen. Wenn ich ihre ganze Oberfläche mit dem Finger abtastete, wüßte ich auch nicht mehr von ihr. Und ihr laßt mich wählen zwischen einer Beschreibung, die sicher ist, mich aber nichts lehrt, und Hypothesen, die mich angeblich etwas lehren, aber keineswegs sicher sind. Mir selbst fremd und dieser Welt, ausgerüstet mit keinem anderen Hilfsmittel als mit einem Denken, das sich selbst negiert, sobald es eine Behauptung aufstellt – was ist das für eine Situation, in der ich nur Frieden finden kann durch die Ablehnung des Wissens und des Lebens, in der die Eroberungslust an Mauern stößt, die ihren Angriffen trotzen? Wollen heißt Widersprüche erwecken. Alles ist auf das Zustandekommen jenes vergifteten Friedens eingerichtet, den Sorglosigkeit, Trägheit des Herzens oder tödliche Entsagung schenken.

Auch der Verstand sagt mir also auf seine Weise, daß diese Welt absurd ist.“ [31f]

Camus‘ Ton mag romantisierend sein und sein Argument etwas esoterisch klingen, aber auch unter nüchterneren Betrachtung wird das Problem deutlich. Der subjektiv suchende Mensch bleibt auch in seiner Beschäftigung mit vermeintlich objektiven Positionen ein subjektiv suchender Mensch. Es gibt für das  Subjekt einfach keinen Weg von innen nach außen und somit keine Gewissheiten. Ich weiß nicht, ob ich mit dieser lakonischen Einschätzung sowohl Camus, als auch der Problematik, gerecht werde, aber so scheint es mir zu sein. Ich erinnere vorsichtshalber noch einmal daran, dass ich hier lediglich Versuche liefere. In diesem Zusammenhang sei nur noch auf die Pointe hingewiesen, die zu Stande käme, wenn ich mich nun weiter erklären würde. Ich würde statt einfach „Basta!“ zu sagen, in eben jene verzweifelte Systematisiererei verfallen, die zu keinem Endpunkt kommen kann. Und somit würde ich durch mein Scheitern meine These stützen, dass man scheitern muss. You get the point? Ich habe also Recht, bis es jemand geschafft hat, die Rätsel der Philosophie zu lösen. Übrigens denke ich mir an diesem Punkt immer, dass jede weitere Beschäftigung mit der Philosophie unsinnig sei, aber ich komme trotzdem schnell wieder in die missliche Lage über die „wahre“ Bedeutung der Dinge nachzusinnen. Es muss also eine psychische Zwangshandlung sein, oder meinem Geist wird da draußen in der nackten Welt einfach zu schnell langweilig.

Zurück zum Thema. Camus hat also die Absurdität auf zwei Wegen hergeleitet und zieht nun den Schluss, dass er diesen Einsichten „bis in ihrer [sic!] letzten Konsequenzen hinein folgen“ müsse, wenn sie denn wahr seien. [S. 33] Bevor er sich diesem Gedanken voll widmet, untersucht er kurz einige zeitgenössische Philosophen(Heidegger, Jaspers), die sich in ähnlichen „Wüsten“ wie er aufhalten, und ihre Vorgänger (Kierkegaard, Scheler, Schestow, Husserl), auf ihre Argumentation hin. Ich kenne mich mit diesen Positionen nicht aus, mir schien es aber, als wären sie von der absurden Ausgangslage des Nichtverstehenkönnens auf irrationale Wege gekommen, die Camus ablehnt.

Teil 2:

Im dritten Kapitel des Mythos des Sisyphos, „Der philosophische Selbstmord“, setzt sich Camus mit der Existenzphilosophie und der Phänomenologie auseinander. Ich will nicht auf alle Einzelheiten eingehen, sondern mich auf die Passagen konzentrieren, in denen Camus auf die Religion zu sprechen kommt, also die Möglichkeit von Transzendenz unter Berücksichtigung des Absurden prüft.

Bevor Camus mit der Untersuchung beginnt, definiert er das Absurde noch einmal dadurch, dass zwei Vergleichsobjekte sich nicht vereinbaren lassen. So ist „(d)as Absurde […] im Wesentlichen eine Entzweiung. Es ist weder in dem einen noch in dem anderen der verglichenen Elemente enthalten.“ [MdS S. 44] Die zwei Elemente, das sind Mensch und Welt. Um das Absurde aufrecht zu erhalten, muss beides vorhanden sein. „Die unmittelbare Konsequenz ist gleichzeitig eine methodische Regel“ [S.45], denn negiert man einen Teil der Gleichung, bricht sie zusammen. Das Absurde ist somit als Verbindung zu sehen und als erste und einzige Wahrheit für den Sinnsuchenden. Es folgt mit Notwendigkeit ein fortdauernder Kampf, der ohne Hoffnung zu führen ist und fortgesetzte Ablehnung sowie bewußtes Unbefriedigtsein voraussetzt. „Das Absurde hat nur insofern einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet.“ [S.46]

Diese Vorüberlegungen sind deshalb wichtig, weil sich zeigen wird, dass sowohl Existenzphilosophie wie auch Phänomenologie dazu tendieren, die Kluft zwischen Welt und Mensch nicht logisch zu schließen, sondern mit einem Sprung zu überwinden, den Camus nicht zu machen bereit ist. Der Sprung heißt so viel wie sich auf eine Seite schlagen, wodurch sich der gerade gelieferten Definition zu Folge das Absurde auflöst. Für die Betrachtung von Der Fremde ist dieser Aspekt interessant, weil der Geistliche Meursault zu so einem Sprung auffordert, wenn er ihn zum Glauben bekehren will. Meursault aber weigert sich, denn er erkennt die logischen Mängel dieses Vorgehens und wirft dies dem Geistlichen vor.

Camus sagt es schon zu Beginn seiner Analyse klar und deutlich:

„Wenn ich mich an die Philosophie der Existenz halte, so sehe ich, daß ausnahmslos alle mir die Flucht vorschlagen. Ausgegangen vom Absurden auf den Trümmern der Vernunft in einer geschlossenen, auf das Menschliche begrenzten Welt, vergöttlichen sie durch einen sonderbaren Schluß, was sie niederdrückt, und sie finden einen Grund zu Hoffnung in dem, was sie hilflos macht. Diese erzwungene Hoffnung ist bei allen wesenhaft religiös.“[S. 47]

Wie er, so sind auch die Existenzphilosophen zur Einsicht des Absurden gelangt, aber ihr Umgang mit diesem Problem befriedigt Camus nicht. Zwar kann er ihre Hoffnungslosigkeit nachvollziehen, nicht aber ihre darauf begründete Bereitschaft, das Rationale zu vernachlässigen. Camus Argument lautet:

„Wenn es das Absurde gibt, dann nur im Universum des Menschen. Sobald dieser Begriff sich in ein Sprungbrett in die Ewigkeit verwandelt, ist er nicht mehr mit der menschlichen Hellsichtigkeit verbunden. Dann ist das Absurde nicht mehr die Evidenz, die der Mensch feststellt, ohne in sie einzuwilligen. Der Kampf ist dann vermieden. Der Mensch integriert das Absurde und läßt damit sein eigentliches Wesen verschwinden, das Gegensatz, Zerrissenheit und Entzweiung ist. Dieser Sprung ist ein Ausweichen.“ [S.51]

Camus argumentiert also in etwa so: Das Absurde ist eine Einsicht, zu der der Mensch mittels seiner Vernunft in Betrachtung der einzig evidenten Tatsache, seiner Existenz, gelangt. [Anmerkung von mir: Ich denke, dass der Begriff Existenz sowohl eine räumliche wie auch ein zeitliche Begrenzung impliziert, sodass die Erkenntnis der eigenen Existenz sowohl die Erkenntnis der äußeren Welt, wie auch die des eigenen Todes beinhaltet. Der Begriff Erkenntnis impliziert wiederum eine Vernunft, sodass in der Selbsterkenntnis alle Elemente, die das Absurde ausmachen, zu Tage treten.] Hat er aber einmal eine Einsicht als wahr anerkannt, lässt sie sich nicht mehr ohne Begründung leugnen. Somit ist jeder Umgang mit dem Absurden, der es schlicht wieder auflöst, unzulässig und nicht hinzunehmen. Vom „Universum des Menschen“ zur Ewigkeit zu gelangen ist eine solche Auflösung, denn die Vernunft wird dabei nicht berücksichtigt. „Hier wird alles dem Irrationalen geopfert, und da das Gebot der Klarheit weggezaubert ist, verschwindet das Absurde mit einem seiner Vergleichsglieder.“ [S. 52] Das Absurde ist genau der Konflikt von Vernunft und Unvernunft. Der absurde Mensch muss also beides anerkennen. In ihm ist der Anspruch auf vernünftige Erklärung und in der Welt herrscht ab einem gewissen Punkt Unvernunft. Letztere darf allerdings nicht absolut gesetzt werden. „Die Naturgesetze können bis zu einer bestimmten Grenze Gültigkeit haben, darüber hinaus wenden sie sich gegen sich selbst und lassen das Absurde entstehen.“ [Ebd.] Die Vernunft vollkommen zu verneinen ist also nicht mehr im Sinne des Absurden.

Diese erste Kritik war auf Leo Schestow bezogen. Als nächstes widmet sich Camus Kierkegaard. „Auch [er] macht den Sprung. Das Christentum, der Schrecken seiner Kindheit, kehrt am Ende in seiner strengsten Gestalt zurück. Auch für ihn werden Antinomie und Paradox Kriterien des Religiösen. Gerade das, was ihn am Sinn und an der Tiefe dieses Lebens zweifeln ließ, schenkt ihm jetzt seine Wahrheit und seine Klarheit.“ [S. 53]

Camus diagnostiziert im Prinzip dasselbe Versagen. Kierkegaards Logik lautet: „Da nichts bewiesen ist, kann alles bewiesen werden.“ [S. 55] und ist aus einer tiefen Verzweiflung heraus zu erklären, die den ewig Sinnsuchenden und damit ewig Enttäuschten erfüllen kann. Dabei geht es Camus zu Folge, der hier selbst zitiert [Vgl. S. 54] nicht um das Gesundwerden, sondern um das Leben mit dem Leiden. Nun auf das ganze Christentum bezogen, folgert er weiter, dass dort durch die Annahme eines Lebens nach dem Tod eine Hoffnung erzeugt würde, die zwar verständlich, aber in ihrer „Maßlosigkeit“ nicht gerechtfertigt wäre, da es keine logische Gewissheit gibt, wie auch keine experimentelle Wahrscheinlichkeit. „Das Absurde, der metaphysische Zustand des bewußten Menschen, führt nicht zu Gott. [Fußnote Camus‘: Ich habe nicht gesagt, «schließt Gott aus», was immer noch bestätigen hieße.]“ [Vgl. S. 55f] Allen Metaphern und Wünschen zum Trotz hat die Religion also für Camus nicht das Potenzial ihm letzte Antworten zu geben, zumal „(d)as Wahre suchen nicht (heißt) das Wünschenswerte suchen“. [S. 57]

Alles in allem bezeichnet Camus die existenzielle Haltung als „philosophischen Selbstmord“, da sich in ihr „ein Denken selbst negiert und danach strebt, in seiner Verneinung über sich hinaus zu gehen“ [S. 57f]. Die Verneinung der Vernunft ist der Gott der Existenzialisten, aber auch eine rationale Ordnung kann zu einer erlösenden Verneinung führen. So bejaht die Phänomenologie ganz im Gegensatz zu Existenzphilosophie die Vernunft ganz und gar und steigert sie so weit ins Abstrakte, dass auch dort ein Sprung zu entdecken ist, indem letztlich alles zur Vernunft erklärt wird. Anstatt vollkommene Irrationalität herrscht nun totale Rationalität, doch bedeutet dies für Camus „nicht weniger das Vergessen dessen, was [er] gerade nicht vergessen will“. [S. 63] Auch hier ist eine Seite der Gleichung aufgehoben worden, die für das Absurde essenziell ist.

Camus Fazit formuliert das Versagen seiner Vorgänger noch einmal ausführlich:

„Man sollte nicht erstaunt sein, daß das Denken auf den einander entgegengesetzten Wegen einer gedemütigten und einer triumphierenden Vernunft zu seiner eigenen Verneinung kommen kann. Zwischen dem abstrakten Gott Husserls [Anmerkung von mir: Begründer der Phänomenologie] und dem Blitze schleudernden Gott Kierkegaars ist der Abstand nicht allzu groß. Die Vernunft und das Irrationale führen zu derselben Predigt. Denn der Weg ist in Wahrheit nicht so wichtig, der Wille, ans Ziel zu kommen, erreicht alles. Der abstrakte und der religiöse Philosoph gehen von derselben Verwirrung aus und sind in derselben Angst befangen. Wesentlich ist das Erklären. Die Sehnsucht ist hier stärker als das Wissen“ [S. 65]

So gesehen „(ist) das Absurde die hellsichtige Vernunft, die ihre Grenzen feststellt.“ [S. 66] Es geht dem Absurden also weder um ein Leugnen noch um ein Absolutsetzen der Vernunft. Seine „Sünde besteht nicht so sehr im Wissen (in dieser Hinsicht sind alle unschuldig) als im Verlangen nach Wissen. Gerade das aber ist die einzige Sünde, von der der absurde Mensch spürt, daß sie zugleich seine Schuld und seine Unschuld ist. Man schlägt ihm eine Auflösung vor, der zufolge alle vergangenen Widersprüche nur polemische Spielereien sind. So aber hat er sie nicht empfunden. Er muss ihre Wahrheit bewahren – daß sie nämlich nicht befriedigend gelöst sind. Er wünscht keine Predigt.“ [S. 67]

[Eigener Kommentar: Heutzutage dürfte die Ablehnung der Religion unter Bezug auf die Vernunft keinen mehr überraschen, denke ich. Interessant ist meiner Meinung nach die andere Seite, das Unbefriedigende an eben der Vernunft. Der Glaube an die Vernunft ist mittlerweile zwar zum common sense in der aufgeklärten westlichen Welt geworden, aber er bleibt dennoch ein Glaube, denn bei aller angestrebten Objektivität kann auch die Vernunft, die Logik, die moderne Wissenschaft, dem einzelnen Menschen keine letzten Erklärungen und somit keine definitive Ruhe spenden. Natürlich werden Anhänger eines strengen Rationalismus einwenden, das sei nur noch eine Frage der Zeit, aber ich bin dennoch skeptisch. Da sich ein blinder, also vollkommen irrationaler, Glaube ebenfalls verbietet, formuliert Camus das Kernproblem des modernen Menschen und zwar mit dem Mut zu einem Punkt. Er scheint mir nicht wieder und wieder in ein sinnloses Suchen nach Sinn zu verfallen, sondern sich zu entschließen, mit dem zu arbeiten, was wir sicher haben und das ist eine Kluft. Alles Weitere ist belanglos. Die Aufgabe ist nun wohl eher, mit dieser kargen Haltung zu einer befriedigenden Ethik zu gelangen, die es dem Menschen gestattet sein Leben in Würde und mit Stolz zu leben (wenn man das so pathetisch sagen kann). Es kann übrigens sein, dass man bei diesem Versuch wieder an Punkte gelangt, an denen man auf mehr als das Absurde zurückgreifen will oder muss. Was übrigens genau die Vernunft ist, scheint mir Camus relativ offen zu lassen. Sie scheint nah an der Logik zu liegen, also an einer gesetzmäßigen Wahrheitserhaltung. Diese ist nicht ewig fortzusetzen, sodass es trotz der Logik zu Widersprüchen kommt. Man muss diese Widersprüche anerkennen und sie stellen deswegen ein Problem dar, weil man bis zu diesem Punkt der Vernunft vollkommen vertraut, sogar vertrauen muss. Das ist eine Evidenz, das heißt ein Axiom des menschlichen Denkens. Keiner kann leugnen, dass Eins und Eins Zwei sind. Es ist ein definitives Faktum. Wir können uns keine Welt vorstellen, in der dies anders wäre. Die Vernunft ist also mächtig und insofern nicht in Frage zu stellen. Aber, und daher das Absurde, sie widerspricht sich in extremen Lagen selber. Extreme Lagen, das sind absolute Wahrheiten, sind Sätze die zu viel aussagen wollen. „Es gibt keine Wahrheiten.“, ist so ein Satz. Ist er wahr, ist er falsch. (Ich hoffe das stimmt! Ansonsten nehmt den Satz: „«Alle Deutschen sind Lügner.», sagt ein Deutscher.“) Ein nicht aufzulösendes Paradoxon. Die Grenze des Verstandes. Der Mensch muss sich auf die Vernunft verlassen, er kann nicht anders, aber gleichzeitig zwingt sie ihn in Grenzen, die er nicht anerkennen will, denn die Vernunft lehrt ihn ja, dass alles einen Sinn, einen Grund, hat. Soviel heute Morgen zum Text von gestern Nacht.]

Kommen wir zum vierten Kapitel, „Die absurde Freiheit“, welches das letzte des ersten Hauptkapitels „Eine absurde Betrachtung“ ist. Ich werde es wie die vorherigen besprechen. Vielleicht werde ich danach aus Zeitgründen – die Wochen vergehen! –anders vorgehen. Mal sehen.

Camus wiederholt zu Anfang seine bisher gewonnenen Einsichten, sein Credo, das nun nicht mehr überrascht und fragt, was sich daraus desweiteren folgern lässt [Es ist mal wieder zu schön formuliert, um es zu kürzen!]:

„Was ich weiß, was sicher ist, was ich nicht leugnen kann, was ich nicht verwerfen kann – das zählt. […] Ich weiß nicht, ob diese Welt einen Sinn hat, der über sie hinausgeht. Aber ich weiß, daß ich diesen Sinn nicht kenne und daß es mir vorerst auch nicht möglich ist, ihn zu erkennen. Was bedeutet mir ein Sinn, der außerhalb meiner conditio liegt? Ich kann nur auf menschliche Weise etwas begreifen. Was ich berühre, was mir widersteht – das begreife ich. Und daß ich diese beiden Gewißheiten – mein Verlangen nach Absolutem und nach Einheit und die Unmöglichkeit, diese Welt auf ein rationales, vernunftmäßiges Prinzip zurückzuführen – nicht miteinander versöhnen kann. Was für eine andere Wahrheit kann ich erkennen, ohne eine Hoffnung anzurufen, die ich nicht habe und die in den Grenzen meiner conditio bedeutungslos ist?“ [S. 69]

Damit steckt er sozusagen die Grenzen seiner weiteren Untersuchung ab, die – zur Erinnerung – explizit danach fragt, ob es eine Logik gibt, die zum Selbstmord führt. Er fragt also, auf welche weiteren Wahrheiten man unter den bisher erlangten, minimalen Voraussetzungen kommen kann und ob der Akt des Selbstmordes eine solche Wahrheit ist. Man kann es schon sagen, er wird es nicht sein. Stattdessen wird es so sein, dass sich der fragende, suchende, verzweifelnde, Mensch wieder ganz der Welt verschreiben muss, allerdings unter Anerkennung der Wahrheit des Absurden. „Er […] verlernt (es) zu hoffen. Endlich ist die Hölle des Gegenwärtigen sein Reich.“ Daraus folgt: „Der Körper, die Zärtlichkeit, die Schöpfung, die Tätigkeit, der menschliche Adel werden dann ihren Platz in dieser sinnlosen Welt wieder einnehmen. Der Mensch wird hier endlich den Wein des Absurden finden und das Brot der Gleichgültigkeit, mit dem er seine Größe speist.“ [S. 70f]

Es geht nach der Erkenntnis des Absurden darum, es als sein Schicksal zu begreifen, es permanent präsent zu halten und zu bejahen. Andernfalls leugnet man wieder einen Teil der Gleichung und vernichtet es so. Der Selbstmord würde das Absurde genau auf diese Weise vernichten, denn er nimmt dem Gegensatz Mensch und Welt den Menschen. Die Lösung des Konflikts ist deshalb nicht Flucht, sondern Auflehnung, welche „eine ständige Konfrontation des Menschen mit seiner eigenen Dunkelheit (ist) [,…] der Anspruch auf eine unmögliche Transparenz. […] Sie ist die ständige Anwesenheit des Menschen bei sich selbst. Sie ist kein Sehnen, sie ist ohne Hoffnung. Diese Auflehnung ist nichts als die Gewißheit eines erdrückenden Schicksals, weniger die Resignation, die es begleiten sollte.“ [S. 73f] Der Selbstmord wird so zum Gegenteil des richtigen Handelns, denn dem absurden Menschen geht es um eine Erhaltung seines Bewusstseins und nicht um dessen Auslöschung.

An dieser Stelle muss ich kurz auf Der Fremde zu sprechen kommen, denn die Verbindung ist hier sonnenklar und explizit, da Camus den zum Tode Verurteilten als das Gegenteil des Selbstmörders bezeichnet. Denn anstatt sich wie letzterer seinem Schicksal zu verweigern, lehnt sich der Verurteilte mit jeder Faser seiner Existenz gegen den Tod auf. Er weiß um seine furchtbare Zukunft, um die Kluft, und die Umstände gewähren ihm nur noch ein Minimum an Handlungsfreiheit, aber dennoch will er weiter leben, will er das Absurde aufrecht erhalten. [Vgl. Ebd.] Das Leben ist dabei ganz zum Augenblick geworden und allein das Standhalten gegen sein Schicksal gibt dem Mensch seine Größe, denn umso mehr er zu tragen hat, desto stärker muss er sein. Religion, mildernde Hoffnung auf eine Zukunft, nimmt dem Menschen die Last und schwächt ihn. Darum wird man das absurde Bewusstsein irgendwann aufrecht erhalten wollen und versuchen, sich in einer „äußerste(n) Anspannung“, einer „unerhörten Anstrengung“, gegen die Sinnlosigkeit aufzulehnen und durch diese bewusste Auflehnung wird man so „Tag für Tag seine(r) einzige(n) Wahrheit“ gewahr. [Vgl. S. 74]

Ich hoffe, diese Wiedergabe wird Camus einigermaßen gerecht. Dieser kommt nun auf die Freiheit zu sprechen, genauer auf die individuelle Freiheit, denn „(d)as Problem der «Freiheit an sich» hat keinen Sinn“, so Camus, da „(e)s […] auf eine ganz andere Art an das Gottesproblem gebunden (ist).“ Dieses Problem ergibt sich aus den Begriffen Freiheit, Verantwortlichkeit und dem Bösen: Sind die Menschen nicht frei, ist Gott allmächtig und allein für das Böse verantwortlich. Sind hingegen die Menschen frei, sind sie selbst verantwortlich, aber Gott nicht allmächtig. [Vgl. S. 75] Wieder will sich Camus nicht auf Sphären einlassen, die sein individuelles Erleben übersteigen. Für ihn ist „die einzige Freiheit […] die des Geistes und des Handelns“. [S. 76] In diesem Sinne bedeutet das Absurde zwar einen Verlust der ewigen Freiheit, aber ebenso einen Gewinn an Beweglichkeit, da das Denken und Handeln des absurden Menschen nicht mehr von einer alles beherrschenden Sorge um die Zukunft gelenkt werden. Die Rechtfertigungen ändern sich durch das absurde Bewusstsein also drastisch, denn „(d)iese Vorstellung «ich bin», […] [die] Art zu handeln, als hätte alles einen Sinn […], all das wird durch die Absurdität eines möglichen Todes auf eine schwindelerregende Weise Lügen gestraft.“ [Ebd.] (Mein gestriger Eintrag „Camus und Ich – Eine Hereinsteigerung“ ist von diesem und allen weiteren Gedanken dieses Kapitels beseelt worden.) Die höhere Freiheit entpuppt sich so als Illusion, die den Menschen in seinem Leben behindert, indem er sich an ihr zu Unrecht orientiert. Die darauf resultierende Formel lautet:

„(J)e mehr ich hoffe, je mehr ich besorgt bin um eine mir eigene Wahrheit, um eine Art, zu sein oder zu schaffen, je mehr ich schließlich mein Leben ordne und dadurch beweise, daß ich ihm einen Sinn unterstelle, um so mehr Schranken schaffe ich mir, zwischen denen ich mein Leben einzwänge.“ [S. 77f]

Es geht also um eine Befreiung von Illusionen, um ein Sich-von-Äußerem-Freimachen, um Unabhängigkeit im wörtlichsten Sinne. Das Leben und damit die Wahrnehmung der Absurdität werden zum einzigen Leitprinzip. Alles andere ist nicht von wirklichem Interesse, sondern gleichgültig. Die Umstände des Lebens werden zur Nebensache, der Sinn liegt im bewussten Leben selbst, in der Ausschöpfung der Möglichkeiten. Camus schließ, dass es nicht darauf ankommt, so gut wie möglich zu leben, sondern so viel wie möglich. Die Quantität ist entscheidend und steht vor der Qualität, indem letztere von ihr abhängt. „Ich habe mich nicht zu fragen, ob das gewöhnlich oder widerwärtig, fein oder bedauerlich ist. Ein für alle Male: die Werturteile sind hier zugunsten der Sachurteile beseitigt. […] Die Moral eines Menschen, seine Wertskala haben Sinn nur durch die Menge und durch die Mannigfaltigkeit der Erfahrungen, die er hat sammeln können.“ [S. 80f]

Nun könnte man meinen, dass dies ein Ungleichgewicht im Urteilsvermögen der Menschen geradezu impliziert, da die einen mehr, die anderen weniger erfahren würden. Es ergibt sich ein Widerspruch, da das Absurde einerseits zur Gleichgültigkeit auffordert und andererseits zum Auskosten aller Möglichkeiten. Camus löst dieses Problem mit dem Verweis darauf, dass „der Irrtum […] in der Meinung (besteht), die Menge der Erfahrungen hinge von unseren Lebensumständen ab, während sie doch nur von uns selbst abhängt. […] Zwei Menschen, die die gleiche Anzahl von Jahren leben, liefert die Welt stets auch die gleiche Menge von Erfahrungen.“ Worauf es ankommt ist, „(s)ein Leben, seine Auflehnung und seine Freiheit so stark wie möglich empfinden, das heißt: so intensiv wie möglich leben.“ [S. 82f]

Es ergibt sich ein Ideal, im Sinne eines logischen Ziels, für den absurden Menschen: „Die Gegenwart und die Abfolge von Gegenwartsmomenten vor einer ständig bewußten Seele.“ Dies ist es was ihm Leidenschaft bringt und die dritte Ableitung aus dem Absurden. Die ersten beiden waren Auflehnung und Freiheit. [Vgl. S. 85] Doch was heißt das alles konkret? „Bisher wurde nur eine Denkweise dargelegt. Jetzt aber gilt es zu leben.“ [S. 86]

Ein Gedanke zu “Albert Camus: „Der Mythos des Sisyphos“

  1. Danke! Ich bin ein Neueinsteiger in Sachen Camus, was wohl u.a. dem Alter geschuldet scheint, denn Fragen nach dem Sinn des Sinnens über das scheinbar Absurde beschäftigen mich seit ein paar Jahren vermehrt. Herzlicher Gruß

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